Nichts als Äpfel, Orangen und Birnen
Geschafft: Michael Zammit Cutjar, Yvo de Boer und John Ashe
aus Bonn SARAH MESSINA
"Der große Knall kommt zum Schluss", sagt Michael Zammit Cutajar, Vorsitzender der Arbeitsgruppe AWG-LCA unter der Klimarahmenkonvention. Erst komme die Vielfalt der Vorschläge, Einwände und Ideen, dann die Konzentration und Komprimierung. Bei den Verhandlungen um ein neues Klimaschutzabkommen ist man von diesem Knall jedoch derzeit noch weit entfernt.
"Die Konferenz in Bonn war äußerst konstruktiv und produktiv", sagt dagegen Klimasekretariatschef Yvo de Boer. Beim nächsten Treffen im August könnten endlich "die Ärmel hochgekrempelt" werden und die eigentlichen Verhandlungen beginnen. Die Zeit sei knapp, so de Boer, aber noch ausreichend für einen Erfolg in Kopenhagen.
Vor zwei Wochen waren die Delegierten in Bonn zusammengekommen, um erstmals über einem konkreten Textentwurf für ein Kopenhagen-Abkommen zu verhandeln. 53 Seiten hatten sie dafür im Gepäck. Inhalt: Leere Tabellen und Optionen über Formulierungen.
Sechs Monate vor der entscheidenden UN-Klimakonferenz in Kopenhagen muss nach UN-Statuten ein vorläufiger Vertragstext vorliegen. Eigentlich sollten darin auch Zahlen der Industrienationen zur angestrebten Treibhausgasreduktion und die Bezifferung von Finanzierungsmechanismen für Anpassung und Klimaschutz in den Entwicklungsländern enthalten sein. So weit ist man nur leider noch nicht.
Stattdessen gibt es jetzt nach erster und zweiter Lesung einen Verhandlungstext von etwa 300 Seiten, der (teilweise in Klammern) scheinbar alles aufführt, was im Plenum der Arbeitsgruppen jemals gesagt wurde. Japan, die USA, Australien, Costa Rica und Tuvalu haben kurzerhand eigene vollständige Entwürfe für ein Kopenhagen-Abkommen abgeliefert. Und die Kyoto-Parteien konnten in ihrer nicht offiziell vorhandenen Liste der Reduktionsziele der Industrienationen bis 2020 wenigstens eine von zahlreichen Lücken füllen und einen Japan-Eintrag einfügen.
Den Statuten scheint das zu genügen, de Boer ist jedoch zumindest in Hinblick auf die Industrieländer alles andere als zufrieden: Die Wissenschaft verlange eine Reduktion von 20 bis 40 Prozent, um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu erwärmen. "Davon sind wir noch weit entfernt". Rechne man gutmütig mit den bestmöglichen der bislang auf den Tisch gelegten Zahlen komme man auf eine Gesamtreduktionsziel von 24 Prozent gegenüber 1990, so de Boer. Aber: Die USA, Russland, Neuseeland und andere sind dabei noch nicht einberechnet. Und könnten diesen wohlwollend gerechneten Schnitt noch deutlich herunterreißen.
Etwas optimistischer sieht das der Vorsitzende der Kyoto-Gruppe John Ashe. "Zweifellos sind sowohl die Abwesenheit von Zahlen als auch die vorliegenden Zahlen noch nicht zufriedenstellend". Nach den ersten Angeboten dürfe man jedoch durchaus noch ambitioniertere Zahlen erwarten.
Außerdem, da sind sich Ashe, Cutajar und de Boer einig, würden noch zu oft Äpfel mit Orangen und Orangen mit Birnen verglichen: Unterschiedliche Bezugsjahre (Japan und die USA beziehen sich mit ihren Reduktionen nicht auf das Jahr 1990, sondern auf 2005) und unterschiedliche Rahmenbedingungen würden einen Zahlenvergleich schwer machen. Japan bezieht sich etwa mit seinem Reduktionsziel von 15 Prozent gegenüber 2005 (übersetzt 8 Prozent gegenüber 1990) allein auf die Reduzierung des Treibhausgasausstoßes im eigenen Land. Die EU mit einem Reduktionsziel von 20 Prozent gegenüber 1990 (30 Prozent wenn alle mitziehen) will zu etwa der Hälfte auch Klimaschutzprojekte im Ausland mit einberechnen.
Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sind wesentlich deutlicher in ihrem Urteil zur Klimakonferenz in Bonn: "Die Industrienationen blockieren die Verhandlungen", sagt Julianne Richards von Oxfam - und meint damit wenig ambitionierte Klimaziele und das große Schweigen zur Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung in Entwicklungsländern. "In den letzten beiden Wochen ist rein gar nichts passiert", meint auch Habtemariam Abate von der Pan African Climate Justice Alliance. Das enttäuschende Reduktionsziel Japans sei zudem ein direkter Angriff auf die ärmsten und vom Klimawandel am stärksten betroffensten Länder.
Um die zehn Prozent Reduktion gegenüber 1990 sind bis 2020 derzeit möglich, wenn es bei den Zielen der reichen Länder bleibt, hat das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung berechnet: "Die Delegierten leben offenbar in einer Parallelwelt", sagt Martin Kaiser von Greenpeace. Das zwei-Grad-Ziel sei damit nicht einzuhalten.
Auch über die Arbeit am Text hinaus scheint das Treffen in Bonn vor allem eine Konferenz der Rhetorik gewesen zu sein: "Man hat sich in Bonn darauf geeinigt, dass man sich im Grunde in allen Punkten uneinig ist“, fasst Regine Günther, Leiterin Klimapolitik beim WWF zusammen. Auch das kann man schließlich als Erfolg verkaufen.
FOTOS: MESSINA, NEUMANN-COSEL
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