"Ich bin überzeugt: Wir schaffen das!"
wir-klimaretter.de: Frau Wilke, wie alt sind Sie 2050?
Nicole Wilke: Oh, da muss ich erstmal rechnen. Auf jeden Fall deutlich über 80.
Viele Aktivisten, die die Verhandlung verfolgen, tragen T-Shirts mit just dieser Frage: um die Delegierten an die große Verantwortung für die kommenden Generationen zu erinnern, die sie tragen. Nehmen Sie das wahr?
Das sehen wir genau wie die jungen Leute: Wir wollen ein ambitioniertes Abkommen in Kopenhagen vereinbaren, damit der globale Temperaturanstieg unter 2 Grad bleibt. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die EU beschlossen, ihre Emissionen um 30 Prozent zu mindern, wenn andere Staaten mitziehen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit auch in Zukunft die jüngeren Generationen die Chance haben, sich entwickeln zu können, so wie wir das konnten.
Ihre Einschätzung zum Verlauf der Konferenz in Bonn: Was wird herausgekommen?
Ich erwarte, dass wir die Texte soweit vorbereiten, dass sie am Ende dieser Konferenz den Stand wiedergeben, den die einzelnen Vertragsparteien hier haben. Und zwar so, dass alle Beteiligten diese Texte für die nächste Arbeitsphase akzeptieren können. Das klingt für Außenstehende sehr technisch und wenig substantiell. Aber es bedeutet für den Forschritt der Verhandlungen schon sehr viel. Die Entscheidungen über tatsächliche Minderungsverpflichtungen werden erst in Kopenhagen von den Ministern getroffen werden. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass jemand vorher schon was auf den Tisch legt.
Trotzdem: In den wesentlichen Punkten sind die Verhandlungen festgefahren. Die Industriestaaten fordern, dass reiche Schwellenländer auch ihren Beitrag leisten, diese berufen sich aber auf die historischen Klimaschulden der Industrieländer. Was tut die EU, um die Situation voranzubringen?
Wir werden nur vorankommen, wenn alle einen Beitrag leisten und sich nicht einer hinter dem anderen versteckt. In Kopenhagen werden wir nur Erfolg haben, wenn die Interessen aller Staaten ein stückweit gewahrt werden. Und diese Interessen sind sehr unterschiedlich. Die ärmsten Länder brauchen finanzielle Unterstützung, um sich den Auswirkungen des Klimawandels, die ja heute schon spürbar sind, anpassen zu können. Das können sie nicht aus eigener Kraft, da sind die reichen Industrieländer in der Pflicht.
Die Interessen der großen Schwellenländer sind anders gelagert, hier geht es um technologische Fortschritte und ihr Ziel, möglichst schnell Anschluss an die Industrieländer zu halten. Es geht bei den Schwellenländern natürlich auch um deren – zumindest absolut – rasant wachsende Treibhausgasemissionen.
Die immer noch verschwindend gering sind gegenüber dem, was die Industriestaaten seit der Kolonialisierung in die Atmosphäre gepustet haben...
Natürlich sind die Industriestaaten die Hauptverursacher des Klimawandels, deshalb müssen wir uns auch noch mehr anstrengen als bisher. Aber der Anteil an den globalen Emissionen, der von den Industrieländern kommt, geht deutlich zurück und der der Schwellenländer steigt. Deshalb müssen auch Länder wie China und Indien entsprechend ihrer Stärke einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Die Industriestaaten müssen vorangehen und anderen zeigen, dass wirtschaftliches Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppelt werden können. Das ist unsere Verantwortung.
Industriestaaten fordern von Schwellenländern, Schwellenländer fordern von Industriestaaten - klingt genau so, wie wir es hier in Bonn wahrgenommen haben: Die Verhandlungen sind festgefahren.
Die Einschätzung, dass wir nun völlig festgefahren sind, teile ich nicht. Die USA haben unter Präsident Obama eine Wende in punkto Klimaschutz um 180 Grad vollzogen, das bringt frischen Wind für die internationalen Klimaschutzverhandlungen. Im Übrigen ist es völlig normal in Verhandlungen, dass am Anfang alle ihre Positionen sehr deutlich darstellen. Die nächsten Schritte bestehen dann darin, ein stückweit hinaus und weiter zu gehen, um zu sehen, wie Einigungen gefunden werden können.
Bei der Reduzierung von Emissionen hat die EU bei der UN eine relativ ambitionierte Forderung eingereicht, aber bei der Finanzierung von Anpassung und Klimaschutz in den Entwicklungsländern gibt es keine Zusagen. Woran liegt das?
Ich weiß, dass vielfach die Auffassung vertreten wird, dass die EU hier bei ihren Vorschlägen sehr viel aktiver sein sollte. Es ist aber unbestritten in der EU, dass sie einen angemessenen Beitrag dazu leisten muss. Wir haben das nötige Finanzvolumen benannt. Für die Umsetzung gibt es nun zwei Vorschläge: Einmal der mexikanische Vorschlag, dass die Förderung aus den Beiträgen der einzelnen Haushalte aufgebracht werden soll und dann über einen multilateralen Fonds verwaltet werden soll. Der norwegische Vorschlag geht davon aus, dass international Emissionsrechte versteigert werden sollen, und dass die Gewinne daraus zur Finanzierung von Projekten in Entwicklungsländern genutzt werden sollen. Beide Vorschläge beinhalten interessante Aspekte, darüber muss offen diskutiert werden.
Das klingt alles sehr, sehr diplomatisch und wenig handfest. Welchen Einfluss und welche Möglichkeiten hat Deutschland denn in der Verhandlungsgruppe der EU? Und welchen Einfluss haben andere Staaten?
Deutschland verhandelt ja nicht alleine, sondern die EU tritt immer als Ganzes auf. Das ist auch gut so, weil dadurch die EU mit ihren 27 Mitgliedsstaaten eine sehr gewichtige Stimme in den Verhandlungen hat. Natürlich gibt es bei verschiedenen Themen individuelle Interessen der Mitgliedsstaaten, die eine Rolle spielen. Es gibt dort Staaten, die insgesamt eher vorantreibend sind und solche, die insgesamt eher vorsichtig sind, aber das ist normal und wir schaffen es eigentlich auch immer, eine gemeinsame Position zu finden. Deutschland ist der größte EU-Mitgliedsstaat und wir sind beim Klimaschutz führend.
Trotz Vorreiterimage: In Deutschland sollen 30 neue Kohlekraftwerke gebaut werden, die die Reduktionsziele in große Gefahr bringen würden. Ließen sich damit internationale Zusagen zum Klimaschutz noch einhalten?
Der Emissionshandel deckelt die absolute Menge des Kohlendioxid, das in der Stromerzeugung emittiert werden darf, und diese Obergrenze wird in jeder Handelsperiode gesenkt. Die Zahl der Kraftwerke hat also keinen Einfluss auf die Menge des Kohlendioxid, sondern auf den Preis von Kohlendioxid. Davon wiederum hängt ab, ob Kohlekraftwerke wirtschaftlich betrieben werden können. Deswegen sind die derzeit kursierenden Angaben über die Zahl von geplanten Kraftwerksprojekten mit höchster Vorsicht zu genießen.
Neun sind im Bau, sieben in der Genehmigungsphase, 14 in Planung. Was soll die Kraftwerke noch verhindern?
Wie viele und welche Kraftwerke nach 2012 tatsächlich realisiert werden, ist derzeit unklar. Klar ist aber: Mittelfristig werden wir für unsere Energieversorgung nicht völlig ohne Kohle auskommen können. Allerdings müssen die Kohlekraftwerke wesentlich effizienter und sauberer werden – Stichwort Kraft-Wärme-Kopplung und CCS – und sie müssen die alten Dreckschleudern ersetzen. Am Ende zählt die Emissionsbilanz, und da wird man sehen, welche der Kraftwerksprojekte realisiert werden können, wenn in Kopenhagen ein Kyoto-Folgeabkommen beschlossen wird.
Eine heikle Frage an die deutsche Chefklimadiplomatin bei der UNO: Sind Sie der Meinung, dass die Anstrengungen, die die UN macht, ausreichen, um das Weltklima zu schützen?
Wenn wir es schaffen, ein Abkommen zu vereinbaren, mit dem der Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzt werden kann, haben wir zumindest nach dem jetzigen Stand das getan, was wir tun können.
Eine sehr chefdiplomatische Antwort! Wenn man unter zwei Grad bleiben möchte, müssten die Industriestaaten laut IPCC bis 2020 zwischen 25 und 40 Prozent ihrer Emissionen reduzieren. Die Zusagen der Industrieländer, die momentan auf dem Tisch liegen, würden aber nur Reduktionen zwischen 17 und 26 Prozent bedeuten. Also noch einmal: Ist das genug?
Die Lücke, die sich auftut zwischen den individuellen Angeboten der Staaten und dem, was erforderlich ist, müssen wir noch schließen. Das wird die Aufgabe sein, die wir bis Kopenhagen bewältigen müssen. Dazu bleiben uns noch sechs Monate Zeit.
Frau Wilke, glauben Sie, dass das noch zu schaffen ist?
Ich bin davon überzeugt, dass wir das schaffen.
INTERVIEW: LUISE NEUMANN-COSEL
NICOLE WILKE, 45, ist Referatsleiterin im Bundesumweltministerium und deutsche Chef-Unterhändlerin in internationalen Klimafragen. Sie steht der bis zu 50-köpfigen deutschen Delegation vor.
Wer lesen möchte, wie Nicole Wilke vor zwei Jahren auf Bali die Klimaverhandlungen einschätzte, findet das Interview HIER.
FOTOS: REIMER, NEUMANN, GREENPEACE (BERND ARNOLD), MESSINA
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