Müllsammler sind Klimaschützer
Was hat der Papierkorb mit steigenden Temperaturen zu tun? Eine Menge. Das haben mehrere Organisationen der sogenannten „waste pickers", also Müllsammler, bei der Konferenz der Klimarahmenkonvention in Bonn erklärt. Müllverbrennungsprojekte zur Energieerzeugung, die mit CDM-Mechanismen gefördert werden, tragen nämlich sowohl zu gesteigertem Rohstoffverbrauch als auch zu hohen Kohlendioxidemissionen bei.
aus Bonn LUISE NEUMANN-COSEL
Müll sammeln, sortieren und recyceln - was bei uns oft nebenbei erledigt wird, ist in Asien und Lateinamerika eine häufige Methode, den Lebensunterhalt zu verdienen. So häufig, dass weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung Abfall sortiert und davon lebt. Die Müllsammler verdienen in asiatischen Ländern meist nicht mehr als vier US-Dollar am Tag, im südamerikanischen Raum sind es zwischen fünf und zwanzig. Oft ist die ganze Familie von diesem Einkommen abhängig. Trotz des relativ geringen Ansehens und Verdienstes haben sich Müllsammler sowohl in Asien als auch in Südamerika in Organisationen zusammengetan. Der Beruf "waste picker" ist mittlerweile in vielen Ländern offiziell anerkannt. Im spanisch sprachigen Raum wird der Beruf oft gar nicht "Müllsammler", sondern "Lebens-Recycler" genannt.

Recycling von Plastikflaschen in Indien
Der Begriff ist treffend: Man sieht sich in diesem Arbeitsfeld als Kämpfer gegen eine globale Rohstoffkrise. "Und das ist sie doch, die Klimakrise: eine Rohstoffkrise, nichts anderes." Neil Tangri ist Mitglied der Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA), einem internationalem Netzwerk von Organisationen und Aktivisten gegen Müllverbrennung. GAIA und mehrere andere Organisationen von Müllsammlern, Recyclern und Verbrennungs-Gegnern sprachen in Bonn am Rande der UN-Klimakonferenz vor den Teilnehmern, um sie von der Notwendigkeit des Recycling zu überzeugen.
Der Hintergrund dieses eher ungewöhnlichen Beitrags zur Klimakonferenz sind die viel kritisierten Clean Development Mechanismen (CDM). Weltweit mehr als 300 von Industriestaaten finanzierte Projekte in Entwicklungsländern gibt es, bei denen Energie durch Müllverbrennung erzeugt werden soll. Eigentlich keine so schlechte Idee: Der Abfall, der nicht mehr gebraucht wird, kann so noch als (Energie-)Rohstoff dienen. Die Projekte stoßen aber bei Müllsammlern auf großen Protest, sorgen sie doch dafür, dass diese ihrer Erwerbsgrundlage beraubt werden. Die indische Aktivistin Baida Gakwad klagt an, dass ausgerechnet die ärmsten Arbeiter der Gesellschaft unter diesen Projekten zu leiden hätten.
"Null Müll für null Emissionen"
Nun haben die Müllsammler auch noch ein weiteres Argument vorgebracht, dass die Klima-Verhandler bei der UN überzeugen soll: Müllverbrennung zur Energieerzeugung ist in jeder Hinsicht klimaschädlich. Da sind zunächst die Emissionen bei der Verbrennung: 1355 Gramm Kohlendioxid werden für eine Kilowattstunde Strom emittiert - das sind noch einmal 300 Gramm mehr als der eigentlich größte Klimasünder Braunkohle. Wenn auch in Betracht gezogen wird, dass wertvolle Rohstoffe wie Plastik, Papier und Aluminium verloren gehen, verschlechtert sich die Klimabilanz der Müll-Energie noch zusätzlich. "Wenn Papier zur Stromerzeugung verbrannt wird, muss für das nächste Papier ein neuer Baum gefällt werden, dazu kommt der Energieverbrauch für Herstellung und Transport - das alles ergibt weder aus der Klima- noch aus der Rohstoffperspektive Sinn", erklärt Tangri. Wer das Klima schützen wolle, müsse möglichst wenig Müll produzieren und diesen dann umfassend recyceln, statt viel Abfall zu produzieren und damit verlustreich Energie zu produzieren: "Null Müll für null Emissionen" lautet daher das Credo der Aktivisten.

Müllverbrennung zur Energieerzeugung: Noch schlimmer als Braunkohle
Der Rückschluss ist also: "Wir Müllsammler sind hocheffiziente Unternehmer im Kampf gegen den Klimawandel", finden die Anwesenden auf der UN-Konferenz. Nun fordern sie nicht nur, dass ihre Rolle als solche auch wahrgenommen wird, sondern auch einen Stopp der CDM-Projekte, die das Handwerk Müllsammler bedrohen. Stattdessen sollten besser Technologien und Konzepte wie Kompostierungs- und Recyclinganlagen gefördert werden, die laut Informationen von GAIA 25-fach effektiver im Bereich der Emissionsminderung als die Energieerzeugung aus Abfallverbrennung seien.
FOTOS: NICOLE MACKENZIE, M. BOECKMANN
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