Klimapolitik muss zur Handelspolitik werden
aufgeschrieben von Tilman Santarius,
u.a. Vorstandsmitglied bei Germanwatch
Mittwoch, 10. Dezember, gegen Mitternacht. Seit einem Jahr, seit der Konferenz in
Bali, gibt es ein neues Großthema in den Klimaverhandlungen. Schon
lange geht es in der Klimapolitik um Treibhausgaseinsparungen, um
Finanztransfers, um Anpassung, um den Emissionshandel. Doch jetzt
geht es vor allem auch um Technologietransfer. Wie können die
Industrieländer die Entwicklungsländer darin unterstützen, einen
klimafreundlichen Entwicklungspfad einzuschlagen? Dies ist die
Kernfrage, die hinter dem neuen Verhandlungsstrang „technology
development and transfer“ steckt.
Für die Schwellen- und Entwicklungsländer bahnt sich ein toller Coup an. Endlich werden sie nicht mehr auf wohlmeinende Zusagen und die freiwillige Bereitschaft der Industrieländer angewiesen sein, ein paar läppische Millionen für Investitionen in saubere Technologien transferiert zu bekommen. Nein, nun wird es um Milliarden gehen. Der IPCC und der Stern Report haben berechnet, dass es zig, wenn nicht hunderte Milliarden Dollar jährlich bedarf, um den Entwicklungsländern den Einstieg in die Solarwirtschaft zu finanzieren.
In Bali wurde nicht nur vereinbart,
dass für diese Kosten vor allem die Industrieländer aufkommen
sollen; es wurde zudem die Klausel verankert, dass die
Entwicklungsländer nur dann einen substantiellen Beitrag zum
Klimaschutz leisten müssen, wenn die Industrieländer dieses Geld
auch messbar und berichtspflichtig bereitstellen. Kein Wunder, dass
sich schon viele im Süden die Hände reiben ob des Geld- und
Technologieregens, der da kommen möge.
Von den Industrieländern wurde das zunächst als eine riesige Bringschuld verstanden; ein notwendiges wenn auch erhebliches Opfer, um den Süden zum Mitmachen beim Klimaschutz zu bewegen. Doch das Blatt beginnt sich zu wenden. Schon wittern sie ihrerseits, vom Technologietransfer erheblich profitieren zu können.
Schließlich werden viele der Technologien im Norden
entwickelt und hergestellt. Mit dem Technologietransfer entsteht ein
neues Geschäftsfeld, und die Exportindustrien für klimafreundliche
Produkte werden einen riesigen Schub erhalten. Ein solches „grünes
Exportförderprogramm“ kommt in Zeiten der Finanzkrise und
angehenden Wirtschaftsrezension wie gerufen. Und über Patentgebühren
werden auch dann noch Einnahmen in den Norden zurückfließen, wenn
die Produkte bereits vor Ort erzeugt werden.
Bleibt die Frage, was eigentlich mit
dem Technologietransfer bezweckt werden soll. Geht es in erster Linie
um ein Anreizprogramm, das rasch und in großem Umfang moderne
Technologien vom Norden in den Süden exportieren möchte? Sicherlich
wird es zu Beginn auch darum gehen müssen. Doch letztlich muss es
darum gehen, im Süden eigene Produktionskapazitäten aufzubauen,
damit die Länder in der Erzeugung erneuerbarer Energie und der
Anwendung klimafreundlicher Technologien unabhängig werden. Und
damit sie durch bestmögliche Anpassung der Technologien an die
Erfordernisse vor Ort und eine lokale Produktion maximal
Treibhausgaseinsparungen realisieren können. Dieses Ziel wird nicht
zuletzt dadurch ausgedrückt, dass die Verhandlungen von „technology
development“, nicht nur von „technology transfer“
sprechen.
Die Aufgabe, die hiermit ansteht, geht weit über reine Klimapolitik hinaus. Um wirklich ein „win-win“ zu realisieren, bei dem der Norden vielleicht anfänglich auch vom Technologietransfer profitiert, aber mittel- und langfristig eine dauerhaft klimafreundliche Produktionskapazität im Süden aufgebaut wird, bedarf es weit mehr als Gelder und technologische Aktionsprogramme. Viel Geld wird zwar eine Nachfrage schaffen, aber alleine nicht dafür sorgen, dass der Süden eine eigenständige Produktionskapaität aufbaut.
Seit Jahrzehnten bemühen sich viele
Länder des Südens vergeblich, eine konkurrenzfähige (wenn auch
bislang nicht klimafreundliche) Industrie zu etablieren. Aber auf
offenen Weltmärkten und gegen die knallharte Konkurrenz der Konzerne
aus dem Norden, die bereits bestens aufgestellt sind, hatten sie oft
keine Chance. In zu vielen Fällen – von China und der Hand voll
anderer aufstrebender Schwellenländer einmal abgesehen – haben die
gegenwärtigen unfairen Welthandelsregeln vielmehr dazu geführt,
dass eine De-Industrialisierung des Südens stattgefunden hat.
Wenn die Klimapolitik es daher ernst meint mit „technology development“, dann muss sie auch die Welthandelsregeln in den Blick nehmen. Dann muss es Ländern des Südens ermöglicht werden, ausländische Direktinvestitionen so zu steuern, dass in wirklich klimafreundliche Bereiche investiert wird. Dann müssen local sourcing-Politiken wieder salonfähig werden, damit durch örtliche Zulieferleistungen die lokale Wertschöpfung gestärkt wird. Dann müssen joint ventures, die von der WTO praktisch verboten wurden, wieder erlaubt werden, damit das Know-how von ausländischen Konzernen im Land verankert werden kann. Und dann müssen Regeln für Patente so geändert werden, dass keine dauerhafte Abhängigkeit vom Know-how aus dem Norden aufgebaut wird.
Wird die Handelspolitik hingegen
ausgeblendet, dann könnten die Milliarden für den
Technologietransfer in einem gigantischen Nord-Süd-Nord Transfer
enden. Dann werden die Milliardentransfers des Nordens bloß dazu,
dass die Entwicklungsländer bei den Industrie- und Schwellenländern
einkaufen gehen.
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