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Fatale Weichenstellungen in Poznan

aufgeschrieben von Klaus Milke (58),  Vorstandsvorsitzender von Germanwatch

Samstag, 6. Dezember, 18:10 Uhr. Jetzt ist Halbzeit bei den Posener Klimaverhandlungen. Ernüchterung macht sich unter den Gruppen der Zivilgesellschaft breit. Die Weichen des Klimazugs, der eigentlich Richtung Kopenhagen erheblich Geschwindigkeit aufnehmen müsste, scheinen falsch gestellt zu sein und es scheint auch – im wahrsten Sinne des Wortes - nicht weniger, sondern mehr Kohle zur Feuerung des Zuges vorgesehen zu werden.

bali_leerersaal.jpg

Ernüchterung haben wir immer wieder erlebt von COP 1 Mitte der 90er Jahre bis zur COP 13 im letzten Jahr auf Bali - bis zur COP 14 in diesem Dezember in Polens Handelsmetropole Poznan?  

Was ist anders gegenüber dem Berliner Klimagipfel, der den Gesamtreigen eröffnete, und gegenüber den vielen UN-Meetings, die wir schon erlebt haben ?

Immerhin ist Germanwatch ja schon seit 1995 regelmäßig aktiv dabei. 

Anders ist: wir wissen heute erheblich mehr, wir stecken in einer größeren Komplexität und wir haben noch weniger Zeit als damals: 

- wir wissen durch die Wissenschaft und die realen Beobachtungen heute sehr viel genauer, dass wir schon mitten im Klimawandel stecken und welch kleines Zeitfenster uns noch bleibt, um tatsächlich mit allen (!) Staaten der Welt wirksam umzusteuern.

- wir müssen mehrere Pakete nebeneinander schnüren. Das heißt also, nicht nur das Mitigations-Thema bearbeiten, also Einigungen über Treibhausgasreduzierungen herbeiführen, sondern auch deren Finanzierung und den dazu erforderlichen Technologietransfer regeln. Dazu kommen die Anpassung an den Klimawandel und ihre Finanzierung an den Klimawandel und dann noch die Notwendigkeit, die zunehmende Entwaldung zu stoppen. 

- alles steht unter der Erkenntnis, dass wir innerhalb von 15 Jahren den Wechsel auf eine Erneuerbaren-Wirtschaft schaffen müssen, da wir sonst das 2-Grad-Limit nicht einhalten können.
cop14_1_1_700.jpg

Wir haben hier mit unserem kleinen, aber sehr aktiven Germanwatch-Team schon eine Menge in der ersten Woche auf die Beine gestellt. So haben wir gestern Nachmittag einen Side-Event (Nebenveranstaltung zu den offiziellen Verhandlungen) zusammen mit Brot für die Welt zum Thema Ernährungssicherheit und Klimawandel durchgeführtt. Einen Tag vorher haben wir unseren regelmäßigen Klima-Risiko-Index zur Verletzlichkeit insbesondere der ärmsten Länder vorgestellt. 

Die Präsentation unseres jährlichen Klimaschutzindexes - ein Ranking über die Klimaschutzanstrengungen der wichtigsten Emittenten - steht noch aus.

Aber der Verhandlungsprozess läuft überhaupt nicht gut.

Vor allem die EU macht uns große Sorgen. Sie muss hier in Posen zeigen, dass sie nach den großen Ankündigungen im letzten Jahr auch tatsächlich ehrgeizig umsetzen will. So sieht es aufgrund der massiven Lobbyarbeit der Industrie aber gar nicht aus und die mageren Anstrengungen werden dann den Kopenhagen - Prozess massiv negativ beeinflussen. Entscheidend ist nun der direkt vor uns liegende EU-Gipfel am 11./12.12, also gegen Ende der hiesigen Verhandlungen.

Für Dienstag nächster Woche (also zwei Tage davor) haben wir seitens der internationalen und polnischen NGO eine Kundgebung vor dem Regierungssitz von Ministerpräsident Donald Tusk in Warschau geplant, wo das Merkelkabinett mit dem polnischen Kabinett auch wegen des EU-Energie- und Klimapaketes zusammenkommt. Wir werden lautstark und sehr bunt mit viel internationaler Beteiligung deutlich machen, was auf dem Spiel steht und dass ganz schnell aus der Klima-Kanzlerin keine Klima-Killerin werden sollte.

Heute am Samstag sind viele verschiedene Hintergrundtreffen und vor allem finden Demonstrationen unserer polnischern Partner zum globalen Klima-Aktionstag hier mitten in der Posener Altstadt statt. Dadurch habe ich eben endlich etwas von der Stadt gesehen : die Stimmung war toll und sehr phantasievoll, aber es war sehr kalt.

Am Sonntag läuft kein offizielles Programm bei den Verhandlungen. Ob wir dann nach der traditionellen NGO-Party (zu der alle Delegierte auch immer sehr gern kommen und wo viel informell weiter verhandelt wird) am heutigen Samstagabend bis tief in die Nacht mal etwas ausschlafen können ? Aber ab 14 Uhr am Sonntag ist dann wieder das NGO-CAN-Strategietreffen, das die zweite Woche vorbereitet.

Hier wird es nun immer voller und auch das Interesse der Medien wächst…

Ob die Weichen in den nächsten Tagen noch umgestellt werden können? Sonst hat dies fatale Konsequenzen, vor allem für die Schwächsten auf diesem Planeten, die keine laute Stimme haben.

 

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