Der fehlende Schnee von Poznan
aufgeschrieben von Christian Teriete, Pressesprecher beim WWF
5. Dezember, 19:50 - So, jetzt schreibe ich also zum ersten Mal seit sieben oder acht Jahren wieder. War ein feines Praktikum, damals, als Student, bei der taz, in der Kochstraße in Berlin, und danach wollte ich unbedingt Redakteur werden. Bin dann aber beim WWF gelandet, als Campaigner gegen den Klimawandel. Erst in Frankfurt, dann in Berlin, inzwischen in Hong Kong. Hab mich an das subtropische Klima dort gewöhnt, weshalb die Aussicht auf Europa im Dezember etwas furchteinflößend war. Aber so kalt ist es in Posen gar nicht - wohl auch so eine Folge des klimatischen Wandels, über den sich die Leute hier die Köpfe heiß reden.
Gestern beim Mittagessen habe ich mich mit dem Direktor von WWF Polen unterhalten. Irek hat lange in Berlin gelebt und wohnt heute in Warschau, aber geboren und aufgewachsen ist er in Posen. Verschneite Winter gehörten zu seiner Kindheit, wochenlang habe der Schnee unschmelzbar auf den Straßen und Plätzen gelegen, und die Eisschicht auf dem See war mindestens einen Meter stark. Heute reiche es gerade mal für ein leichtes Frösteln, wenn ein kalter Wind durch die Straßen pfeift. Ich schlug Irek vor, davon heute bei unserer Aktion in einem Park zu erzählen. Es kann nie schaden, Leute ab und zu aus dem Konferenz-Zentrum zu locken und von den immer gleichen Fluren und langen Reihen mit Computer-Arbeitsplätzen abzulenken. Und Bilder lassen sich besser in der echten Welt als in sterilen Hallen kreieren.
WWF Polen hatte ein Truppe junger Snowboarder aufgetrieben, denen der Schnee fehlt und die ihrem Freizeit-Vergnügen nur eingeschränkt nachgehen können. Sie waren gern bereit, unsere von berühmten Skistars unterzeichnete Petition mit spektakulärer Akrobatik zu visualisieren. Eine Rampe wurde in den Park gestellt, mit etwas Schnee aus der örtlichen Eislaufhalle überzogen, und schon flogen die Snowboarder durch die Luft. Auf dem großen Banner über der Rampe stand auf Englisch: “Schützt unsere Winter! Stoppt den Klimawandel!” Und Irek stand am Mikrofon und begründete diese Botschaft mit Kindheitserinnerungen an weiße Weihnachten und Schneeballschlachten.
Die Journalisten vom chinesischen und japanischen Fernsehen, die wir nebst einem Trupp polnischer Kamerateams an den Ort des Geschehens gebracht hatten, hielten die Aktion für einen guten Weg, auf den Verlust unserer Winter hinzuweisen. Und auf die dahinterliegenden Ursachen: Klimawandel, Emissionen, Innovationsfaulheit, Uraltpolitik.
Wie besprochen tauchte Maciej Nowicki auf, der polnische Umweltminister und Präsident dieser COP. Er nahm unsere Petition in Empfang, unterschrieben von Weltmeistern und Olympiasiegern in verschiedenen Ski-Disziplinen, zum Beipiel Ted Ligety und Julia Mancuso aus den USA, die 2006 in Turin beide Gold holten. Völlig überraschend verkündete Nowicki dann, sein Land werde seine Emissionen bis 2020 um 30 Prozent senken, ein bis dahin nicht bekannter Plan der Polen.
Ansonsten verläuft die Konferenz leider bislang eher überraschungsfrei. Es geht viel zu langsam und unentschlossen voran, die Industrieländer bekennen sich nicht zu den notwendigen Reduktionszielen, und die Entwicklungsländer warten mit zunehmender Ungeduld auf eine Reaktion der Großverschmutzer. Die haben sich bisher nicht klar zu den ausgefeilten Vorschlägen geäußert, die hier und bei vorheringen Verhandlungsrunden von den Entwicklungsländern auf den Tisch gelegt wurden.
Vor allem das derzeitge Chaos um das Klimapaket der EU lähmt die Verhandlungen fatal. Angela Merkel in Berlin und Donald Tusk in Warschau haben sich wirklich genau die falsche Zeit ausgedacht, um der Kohleindustrie Geschenke zu machen und alle guten Vorsätze der EU in Sachen Klimaschutz über Bord zu werfen. Der anstehende Regierungswechsel in den USA und die Beweglichkeit der Schwellenländer ergeben ein nie dagewesene Ausgangslage für einen Durchbruch in den Verhandlungen. Die EU verspielt diese Chance gerade. Damit sinkt erstmal die Wahrscheinlichkeit, daß Posen in Zukunft weiße Winter erlebt.
COP-Präsident Nowicki scheint aber etwas von gesteigerten Ambitionen zu verstehen. Das läßt hoffen, daß sich hier in der zweiten Woche noch etwas tut. Posen muss die Grundlage für den neuen Klimapakt liefern, den die Welt nächstes Jahr in Kopenhagen beschließen will. Wir vom WWF arbeiten hart daran, daß es dazu auch tatsächlich kommt. Viele Delegierte hier verfolgen dasselbe Ziel, und die Zweifler und Zögerer kriegen wir auch noch rum. Schneebälle wären dafür vielleicht genau das richtige Mittel, aber so lange keine Flocken vom Himmel über Posen fallen, versuchen wir es am besten weiter mit starken Argumenten und öffentlichem Druck.
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