"Ich trage einige blaue Flecken - mit Stolz!"
20:59 - Als wir vom Klima- und Antira-Camp in Lurup aufbrachen war die Zielrichtung schon vorgegeben: Am Mittwoch hatten 36 AktivistInnen vorgemacht, wie mit der Kraftwerksbaustelle in Moorburg zu verfahren sei. In einer kombinierten Kletter- und Besetzungsaktion war es ein paar Menschen vom Camp gelungen, den Bau für einige Stunden zu unterbrechen und einen Großeinsatz der Polizei auszulösen. Einer spontanen Demonstration von rund 200 Menschen aus dem nahe gelegenen Wilhelmsburg war es dann nicht gelungen, eine einfache Kette aus 40 PolizistInnen zu überwinden. Schlagstöcke und Wasserwerfer hin oder her - am heutigen Samstag sollte das anders werden und die Baustelle dauerhaft besetzt werden.
Leider zogen nicht so viele Menschen wie erhofft gemeinsam mit uns los zur S-Bahn - vielleicht wegen des Regens, der seit gestern Abend ununterbrochen fällt. Wer schon vor der Aktion nass und kalt ist, verliert schnell seine Motivation. Dennoch trafen sich bestimmt 700 Menschen am Ausgangspunkt unserer Demonstration in Neuwiedental und zogen zunächst ein paar Kilometer in Richtung des Örtchens Moorburg. Das erschreckte ein paar Bullen, die auf ihrer angrenzenden Weide von den Sprechchören und Lautsprecherwagen aufgeschreckt hin und her trabten.
Freundlicherweise hörte hier im Süden von Hamburg der Regen für die Aktion auf. Als der Zug durch die Autobahnbrücke hindurch war, die ersten Baustellenkräne in Sicht kamen und die Nervosität in unserem Teil der Demonstration stieg, kam das verabredete Signal und mehrere hundert Menschen machten sich nach links von der Straße und eine Böschung hinauf. Eine Einheit Polizeibeamter war offensichtlich sehr überrascht und machte sich - völlig unkoordiniert - an die Verfolgung, konnte jedoch nichts ausrichten. Auch der bald auftauchende Helikopter brachte es nicht fertig, den inzwischen in drei "Finger" aufgespalteten Demozug zu kontrollieren.
In unserem grün-gelben Finger zwängten wir uns zuerst durch ein kleines Gehölz, stießen dann aber wieder auf eine befestigte Straße. Dieser folgten wir bis wir nur noch wenige hundert Meter von der Baustelle entfernt waren. Als es nur noch 100 Meter bis zu einer Absperrung der Polizei war, schlugen wir uns durch das Unterholz und ließen die verduzten Beamten auf der Straße wieder einfach stehen. Kurz darauf erreichten wir einen Bahndamm und schließlich einen Zaun.
Den ersten überwand unser Finger ohne Probleme, der zweite jedoch wurde zum unüberwindlichen Hindernis: Hier sammelte sich eine ganze Hundertschaft berüchtigter Hamburger Prügelpolizei, schlug mit Schlagstöcken, stieß durch den Zaun hindurch und versprühte Pfefferspray. In diesen Momenten hatte der Zaun auch etwas gutes...
Nachdem auch ein zweiter Ansturm von der Polizei knapp abgewehrt werden konnte und unser Finger sich wieder sammelte, wurde berichtet, dass einige Leute bis an den Baustellenzaun vorgerückt waren. Wir wechselten die Strategie: In einem langen, aber koordinierten Zug versuchten wir die nächste Welle - diesmal von Süden statt von Westen.
Dazu liefen wir an der Kundgebung auf der Kreuzung direkt an der Hauptzufahrt der Baustelle vorbei und überquerten einen kleinen Wassergraben, um auf die Spülfelder zu gelangen. Ein wahllos in die Gegend spritzender Wasserwerfer wirkte sehr hilflos bei dem Versuch, die noch immer mindestens 500 Menschen zurückzuhalten.
Der Richtungswechsel erforderte von der Polizei ein gewisses Umdenken, das den Beamten offenbar nicht so schnell gelang. Wir waren schon fast bis an die Straße direkt vor der Baustelle vorgerückt, als die ersten Polizeitrupps auftauchten und versuchten, uns den Weg abzusperren. Auch wenn bald Wasserwerfer nachrückten und ganze Hundertschaften auf die Straße verlegt wurden, gelang es mehreren Menschen, bis auf die Straße zu gelangen - zahlreiche wurden dort festgenommen, andere mit Schlagstöcken zur Umkehr gezwungen. Auch ich trage seitdem einige blaue Flecken - durchaus mit Stolz. Immerhin sind sie der Beleg dafür, dass sich auch eine schwarz-grüne Regierung in Hamburg mit Gewalt für die fossilen Interessen von Energiekonzernen einsetzt. Aber wäre von einem Staat wirklich etwas anderes zu erwarten?
Nach diesem dritten Anlauf waren wir bereits mehr als zwei Stunden immer wieder auf die Baustelle zugelaufen und mit Polizeigewalt zurückgedrängt worden. Da die Mehrzahl der Menschen inzwischen durchnässt war - sei es vom Wasserwerfer oder dem noch immer tropfenden Unterholz -, zogen sich die verbliebenen Finger auf die Straße, auf den Moorburger Hauptdeich zurück. Die Stimmung war nicht schlecht, denn alle hatten das Gefühl, viel gegeben zu haben und das maximal Mögliche erreicht zu haben: Wir waren trotz einer doppelten Anzahl an PolizistInnen bis auf ein paar Meter an die Baustelle herangekommen und hatten gezeigt, dass es nicht die Demonstrierenden sind, die Gewalt anwenden, sondern dass sich die fossilen Interessen nur so durchsetzen lassen.
Unterstrichen wurde dies dadurch, dass die Polizei eine Sitzblockade vor der Haupteinfahrt zur Baustelle mit Wasserwerfern räumte, obwohl sich dort nur die Leute versammelt hatten, die zu erschöpft waren, um weiter aktiv den "Sturm auf Moorburg" zu wagen. Von der Straße aus zogen dann alle gemeinsam zurück zur S-Bahn. Die Stimmung war gut und die Menschen an den Fenstern schienen zu wissen, was die DemonstrantInnen versucht hatten zu leisten: Wenn das Kraftwerk in Moorburg verhindert wird, vermeidet das nicht nur 40% des Kohlendioxidausstosses von Hamburg und verhindert, dass unter menschenunwürdigen Bedingungen weiter Kohle in Kolumbien, Indonesien und Südafrika abgebaut werden muss; ohne Moorburg werden den EinwohnerInnen der umliegenden Stadtteile auch Tonnen von Feinstaub, Schwermetallen und sonstigen Giften erspart. Das schienen die winkenden Hände zu würdigen.
Einen Film von graswurzel tv samt prügelnden Polizeibeamten sehen Sie hier
Fotos: "Tschüss Vattenfall"
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