Was wissen die Reisbauern vom Klimawandel?
Teil 10 - nach 47 Tagen und etwa 11.000 Kilometern: Kunming im Südwesten Chinas
Regenschirme, überall Regenschirme! Nicht, dass es geregnet hätte. Das hat es nicht ein einziges Mal seit Besteigen des Zuges vor sieben Wochen in Berlin. Auch nicht hier in Kunming, der südwestlichsten Provinzhauptstadt Chinas. Aber hier brennt die Sonne derart, dass viele Menschen den Regenschirm als Sonnenschirm benutzen.
Kunming preist sich als „Stadt des ewigen Frühlings“. Während der Kulturrevolution verbannten die Kommunisten Oppositionelle hierher - ins „Nichts“, aufs dröge Land, an die babarische Südwestgrenze des Reiches. Dass die Provinz Yunnan etwas Besonderes haben muss, merkte Chinas Führung erst, als die Sträflinge auch nach Ablauf des Banns nicht mehr zurück nach Peking mochten – sie hatten die Wärme in Kunming offenbar schätzen gelernt.
Reisbauer ist ein schwere Job. Dieser hier muss immerhin nicht mehr mit dem Bullen aufs Feld, um den Boden zu pflügen. Aber maschinelles Pflügen ist in China noch die absolute Ausnahme
40 Jahre nach der Kulturrevolution brodelt es auf dem „drögen“ Land. Mit 770 Millionen Menschen ist Chinas arme Landbevölkerung gegenüber den relativ wohlhabenden Städtern deutlich in der Mehrheit. Und dieser Mehrheit geht es schlecht, aber sie beginnt sich zu wehren: Das Pekinger Büro der Heinrich-Böll-Stiftung hat ermittelt, dass sich die Zahl der lokalen Bauernproteste in den letzten zehn Jahren verzehnfacht hat. Tatsächlich weist eine Statistik des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit 2005 fast 90.000 Zwischenfälle aus: Versammlungen, Blockaden, Protestmärsche, Geiselnahmen, sogar bewaffnete Auseinandersetzungen. Bei der Hälfte der Proteste gehe es um Bodennutzungsrechte, so das Ministerium: Vielerorts verkaufen korrupte Kader Land an Investoren, und wenn sich Bauern dagegen oder gegen zu geringe Ausgleichszahlungen wehren, steht nicht selten ein Schlägertrupp vor der Tür. 30 Prozent der Proteste richten sich nach Angaben des Ministeriums gegen andere Formen von Korruption und Willkür, (wie ungerechtfertigt hohe Steuern oder Abgaben), 20 Prozent gegen Umweltverschmutzung. Es gibt Gegenden, wo Böden oder Wasser so vergiftet sind, dass die Bauern ihre Produkte nicht mehr verkaufen können – oder erst gar nichts wächst.
Wenn es wenigstens mal regnen würde! Überall in der Provinz Yunnan sieht man die Bauern auf ihren Feldern: Jetzt muss der Boden für die Reissaat im Dezember gewässert, gepflügt und wieder gewässert werden. Schon seit 6.000 Jahren wird in China Reis angebaut, und noch heute stammen 55 Prozent der Weltproduktion aus China. Noch. Denn Untersuchungen des „International Rice Research Institut“ im philippinischen Manila zeigen, dass die Reisbauern zum Opfer der Erderwärmung werden. Binnen der letzten 25 Jahre sind die nächtlichen Tiefsttemperaturen in Südostasien um durchschnittlich 1,33 Grad gestiegen. Zugleich sank der Ertrag der Reisernte um über zehn Prozent. Steigende Minimaltemperaturen in der Nacht führen dazu, dass die Pflanzen stärker atmen. Dabei verbrauchen sie unnötig Energie, was den Ernteertrag pro Pflanze schmälert.
Eine gefährliche Entwicklung. Für etwa drei Milliarden Menschen ist Reis Grundnahrungsmittel. „Die Reisproduktion müsste um jährlich ein Prozent steigen, um den wachsenden Bedarf zu decken, der sich aus dem Bevölkerungswachstum ergeben wird“, schreiben die Forscher. Stattdessen sinkt sie bei steigender Temperatur. Die Erderwärmung könnte also auch Hunger zur Folge haben. Andererseits ist Reis selbst ein Klimakiller: Weil die Planzen bei der weithin üblichen Anbauweise im Wasser stehen, erzeugen anerobe Bakterien Methan – und Methan verstärkt ebenfalls den Treibhauseffekt, verglichen mit derselben Menge Kohlendioxid sogar 31mal so stark. Experten schätzen, das zehn bis fünfzehn Prozent der menschengemachten Erderwärmung auf Treibhausgase aus dem Reisanbau zurückgehen.
Davon wissen die Bauern der Provinz Yunnan natürlich nichts. Und sie haben auch andere Sorgen. Traditionell sind es die Frauen, die die Ernte – derzeit hauptsächlich Fleisch, Gemüse und Früchte – dorthin tragen, wo das Geld ist: In Städte wie Kunming. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Einkommenschere zwischen Stadt und Land so groß wie in China. Während Städter durchnittlich 1.050 Euro pro Jahr verdienen, bringt es ein statistischer Landchinese nur auf 320 Euro jährlich. Nach Erhebungen der Weltbank gelten 200 Millionen Provinzler als arm, müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.
Und tatsächlich ist der Unterschied unübersehbar: Neben den kargen Dörfern präsentieren sich Millionenmetropolen wie Kunming glitzernd, reich, dynamisch – und ganz und gar dem westlichen Konsumismus ergeben. Die Werbeplakate sehen aus wie in London, Athen oder Kiew. Um sich mit der Weltgartenausstellung 1999 der Welt als modern zu präsentieren, wurden in Kumning die letzten alten Häuser der Innenstadt abgerissen und durch Wolkenkratzer ersetzt. Hochgezogen von sogenannten Wanderarbeitern: Weil ihr Feld die Familie nicht mehr nährt, sind 150 Millionen Bauern in die Städte gegangen, um sich oft unter grausamsten Arbeitsbedingungen als Bauarbeiter oder Handlanger zu verdingen. Zurück blieben Frauen und Alte, die auf die Geldtransfers angewiesen sind.
Um die Probleme in Griff zu bekommen, hat die Pekinger Führung gerade Steuer- und Gebührenreformen zum Jahresanfang 2008 beschlossen. Zudem soll mehr Transparenz der Verwaltung und eine Rechenschaftspflicht für die lokalen Kader eingeführt werden. Sogar eine Direktwahl der Dorfführung will Peking landesweit durchsetzen. Schon oft gingen in China politische Veränderungen vom Land aus. Die Frage ist nur, wann die Pekinger Beschlüsse in der südwestlichsten Provinz Yunnan ankommen – so kurz vor dem „Nichts“.
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