Der Gelbe Fluss ist krank

Lanzhou in Zentralchina, nach 42 Tagen und etwa 7.200 Zug- und 2.000 Buskilometern
Den Sonntag in Lanzhou erkennt man daran, dass die Sonne scheint. Nicht, dass sie von Montag bis Samstag nicht auch scheinen würde. An Werktagen aber rauchen die Schornsteine der drei Millionen-Metropole in Zentralchina. Und weil Lanzhou, die Hauptstadt der Provinz Gansu, im Talkessel des Gelben Flusses liegt, sieht man die Sonne von Montag bis Samstag vor lauter Smog nicht.
„Tun Sie etwas für unsere Umwelt: Unterschreiben Sie!“. Wang Yajun steht an diesem Sonntag an der Zhongshan-Brücke über dem „Gelben Fluss“. Vor ihr liegt ein rotes Spruchband mit weißen chinesischen Schriftzeichen. Zusammen mit vielleicht 100 anderen jungen Leuten versucht die Studentin Passanten zu einer Unterschrift auf des Spruchband zu bewegen. „Der Gelbe Fluss ist die Mutter Chinas. Und wenn es der Mutter Chinas nicht gut geht, dann ist ganz China krank“, sagt die 21jährige Yajun. Für die Aktivisten der Technologischen Universität Lanzhou steht fest: Der „Gelbe Fluss“ ist krank. Und deshalb sollen so viele Menschen wie möglich unterschreiben, um Druck auf die Provinzregierung zu machen.

Li Bais, der größten Dichter der Tang Dynastie, schrieb vor fast 1.300 Jahren: „Das Wasser des Gelben Flusses kommt vom Himmel, es fließt bis ins Meer und kehrt nie wieder zurück“. Aber die Zeiten ändern sich. Immer seltener erreicht das Wasser des Gelben Flusses tatsächlich noch das Meer. In der letzten Dekade gab es Jahre, in denen der Huang He, wie der Gelbe Fluss auf chinesisch heißt, gerade an gerade noch 35 Tagen das Meer erreichte – an den anderen 330 Tagen war er in seinem Unterlauf gänzlich ausgetrocknet.
Mehr als 50 Städte mit 140 Millionen Menschen versorgt der Gelbe Fluss. Im Mittellauf wird immer mehr Wasser für die Bewässerung der Felder abgezweigt. Die Industrien der Provinzen Henan, Ganso oder Shaanxi saugen gierig an dem Strom. Und auf dem größten Ölfeld Chinas, in der Inneren Mongolei, wird der Fluss dazu genutzt, Öl zu fördern: Der Druck von in die Erde gepumptem Wasser presst das schwarze Gold an die Oberfläche.
„Anfangs hat uns die Polizei vertrieben“, sagt Luo Wen Zhang, einer der Aktivisten in Lanzhou. Die Versammlung sei nicht registriert, so die Begründung seinerzeit. „Wir haben uns aber nicht einschüchtern lassen und sind am nächsten Sonntag wieder gekommen“, sagt der 22-Jährige. Wiederkommen, vertreiben, wiederkommen – eine ganze Weile sei das so gegangen, „bis die Polizei schließlich einlenkte und uns gewähren ließ“. Seitdem wird der Protest der Studenten geduldet.
Tatsächlich ist der 5.660 Kilometer lange Huang He der Schicksalsfluss der Chinesen. Seit Alters her sorgte er einerseits für gigantische Überschwemmungen und damit andererseits für die „chinesische Produktionsweise“: Nur durch bedingungslose, disziplinierte Großeinsätze mit Tausenden von Menschen – wie sie wahrscheinlich nur in Diktaturen möglich sind – gelang es letztlich, das Flussbett einzudämmen. Solcherlei Kollektiverfahrung ist ebenso Grundlage für den Bau der Großen Mauer wie für das chinesische Wirtschaftswachtum der letzten 25 Jahre.

Und scheinbar auch eine kulturelle Wurzel der Umweltaktivisten: In Dreierreihen sind sie jetzt angetreten, auf dem Kopf ein rotes Basecap, mit Besen und großen Tüten bewaffnet, die ersten drei Leute tragen Fahnen. Einer hält eine Ansprache und die Angetretenen antworten mit eine Parole – es geht ans Flussufer, Müll aufsammeln. Ein großes Problem in Lanzhou ist die städtische Müllentsorgung, die einfach nicht richtig funktionieren will. Und der Unrat, der sich am Flussufer türmt, verrät, dass hier auch wesentlich schädlichere Zivilisations- und Produktionsreste eingeleitet werden. Trinkwasser, so raten die Experten, sollte in China allenfalls abgekocht getrunken werden.
Die „Gelbe Gefahr“, wie China von seinen Feinden genannt wurde, hat auch mit dem Gelben Fluss zu tun. Porzellan, Papier oder Kriegskunst: Im Einzugsgebiet des Flusses entstand die „Gelbe Kultur“, die Grundlage der chinesischen Zivilisation. Tatsächlich ist das Wasser ocker-gelblich. Jährlich schwemmt der Fluss 1,6 Milliarden Tonnen lehmige Sedimente von West nach Ost. Das macht das zeitweise Austrocknen besonders gefährlich: Wenn die Sedimente das Gelbe Meer nicht mehr erreichen, lagern sie sich anderswo ab.
Immer wieder muss das Flussbett ausgebaggert werden, was aber nicht verhindern kann, dass es steigt und steigt und steigt. Viellerorts liegt das Flussbett heute höher als das es umgebende Land. In der drei Millionen-Metropole Jinan, der Hauptstadt der Provinz Shandong, liegt das Flussbett fünf Meter über der Stadt, in Kaifeng weiter stromab sollen es schon 13 Meter sein. Das macht den Fluss immer gefährlicher: Jeder überdurchschnittlicher Regenfall im Ober- oder Mittellauf, lässt die Menschen weiter unten zittern.

Große Aufmerksamkeit bekommen die Studenten an diesem Sonntag nicht. Zwar haben einige hundert Passanten das Spruchband unterschrieben, das nun an die Provinzregierung übergeben werden soll. „Von der Zeitung ist aber wieder niemand gekommen“, sagt Wang Yajun. Dabei haben die Studenten sogar einen Fahrdienst angeboten. „Wirklich einen Schub bekäme unsere Aktion, wenn die Medien darüber berichten würden. Wir laden sie natürlich immer wieder ein. Aber offenbar trauen sie sich nicht.“
Zwar hat die Führung in Peking die Medien ausdrücklich dazu aufgerufen, Missstände aufzudecken. Zwar konkurrieren 2.000 Zeitungen, 9.000 Magazine und 370 Fernsehsender in China um die Gunst der Zuschauer. „Die lokalen Medien sind aber nach wie vor mit den Provinzregierungen verwoben“, sagt Yajun. Wird wirklich einmal über einen Umwelt-Skandal berichtet, dann von einer Zeitung aus der Nachbarprovinz.
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