... und plötzlich Michael Ballack!
Nach 40 Tagen und 9.000 Kilometern: Angekommen in Lanzhou, Chinas Mitte
Endlich wieder Zugfahren! Nach endlosen Tagen in Bussen bestieg ich in Ürümqui, der Hauptstadt der Provinz Xingjiang, den Expreß T296. Und das geht so: Man hat sich eine Stunde vor Abfahrt im Wartesaal des T296 im Bahnhof einzufinden. Es gibt auch den Wartesaal für 1306. So viele Züge gerade auf der Abfahrtstafel stehen, so viele Säle gibt es auch.
Um zum eigenen Wartesaal zu kommen, muss ich eine Kontrolle passieren, in der kontrolliert wird, ob ich überhaupt berechtigt bin, einen chinesischen Bahnhof zu betreten. Es folgt die Gepäckkontrolle, damit klar ist: In den Taschen ist nichts Verbotenes. Hernach schließt sich die Wartesaalkontrolle an: Ist man berechtigt, den Wartesaal zu betreten? Falls ja, wartet man dann mit den anderen Reisenden auf die nächste Kontrolle: Zuerst entspannt, doch eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt beginnt es ungemütlich zu werden. Die Sitzreihen sind jetzt abgesperrt, die Leute beginnen sich an den Ausgangstoren des Saales anzustellen. In Ürümqui waren das für meinen T296 etwa 20 Reihen – und in jeder gefühlte 100 Leute.
Eine halbe Stunde vor Abfahrt werden die Pforten geöffnet – in meinem Fall von einer Beamtin, die kontrolliert, ob man zum Passieren des Pförtchens berechtigt ist. Wer es nachweisen kann, darf zum Bahnsteig. Nicht ohne allerdings den Anweisungen der bereitstehenden Uniformierten Folge zu leisten. Hat man den Zug dann erreicht, folgt die nächste Kontrolle: Diesmal wird kontrolliert, ob man zum Besteigen des angesteuerten Waggons überhaupt berechtigt ist. Und das ist immer noch nicht das Ende: Jetzt werden die Pässe kontrolliert, damit sichergestellt ist, dass derjenige, der berechtigt war zum Betreten des Bahnhofsgebäudes und des Saales, zum Passieren derAusgangspforte und der Einstiegstür des T296, auch wirklich dieselbe Person ist, die das Bahnhofsgelände betreten, im Wartesaal T296 Platz genommen ... und so weiter ... hat. Ach so: Bei der Ankunft in Lanzhou wurde natürlich kontrolliert, ob ich zum Ankommen überhaupt berechtigt war.
Zwei Tage hatte ich für die 1.500 Kilometer von Ürümqui nach Lanzhou eingeplant – doch die Fahrt dauerte nicht einmal einen. Und sie fühlte sich kaum anders an als der D-Zug Dresden-Berlin. Kein „babam, babam“ der Schienenstöße mehr, die ich in Russland und Kasachstan lieb gewonnen hatte. Sondern nur ein „Zischhhhhhhhhh“. Alles andere aber funktioniert streng nach russischem Vorbild: Mit denselben Liegewagen (nur neuerer Bauart und sauberer), denselben Schaffnerpersönlichkeiten, denselben Besen, die über die Teppiche kratzen – und sogar mit dem selben Heißwassersystem. Nur dass es hier nicht Samowar heißt.
Jetzt bin ich also in Chinas Mitte – zumindest in seiner geographischen. Denn Lanzhou am Gelben Fluss gilt an der Ostküste, dem wirtschaftlichen und politischen Zentrum des Landes, als das äußerste, was einem zivilisierten Chinesen an Provinz zuzumuten ist. Hinter Lanzhou beginnt seit Alters her eine andere Welt – egal aus welcher Richtung man kommt. Die Wolkenkratzer sind hier nicht mehr zählbar. Eine dunstige Smogglocke hüllt die Stadt ins dunkel. Auf den Straßen ist es hektisch, schrill. Achtspurig wälzt sich der Verkehr durch die Stadt – auch wo die Straßen eigentlich nur vier Spuren haben. Und springt die Fußgängerampel tatsächlich einmal auf Grün, ist es allenfalls ein Signal, die selbstmörderische Straßenquerung im Kollektiv vorzunehmen. Die Einkaufszentren können gar nicht groß genug sein – ebenso so die Werbeplakate. Auf einem sehr, sehr großen lächelt übrigens Michael Ballack.
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