Das ist China: Elektroroller und Solaranlagen
Station 7 - auf den Spuren Sven Hedins: Nach 33 Tagen, 5.500 Zug- und 2.000 Bus-Kilometern ist die Wüste Taklamakan durchquert

Solaranlagenverkäufer auf dem Markt im westchinesischen Kashgar
"Das chinesische Wirtschaftswunder ist bald zu Ende, denn die Umwelt hält nicht mehr mit: Auf einem Drittel des chinesischen Territoriums geht saurer Regen nieder, ein Viertel der Bürger hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ein Drittel der Städter muss stark verdreckte Luft einatmen, weniger als 20 Prozent des städtischen Mülls wird umweltgerecht entsorgt."
Pan Yue, Vize-Direktor der Umweltbehörde SEPA der Volksrepublik China
Wer auf der Seidenstraße China von Westen her bereist, kommt zuallererst nach Kashgar. In Chinas westlichster Stadt sind immer gleich zwei Abfalleimer nebeneinander angebracht: einer für Müll, der zweite für recyclebare Abfälle. Auf den Dächern prangen Solaranlagen, und Motorräder mit Verbrennungsmotoren sind die absolute Ausnahme: Kashgars motorisierte Zweiräder fahren mit Elektoantrieb. Die Glühbirne ist längst verbannt zugunsten von Energiesparlampen. Selbst auf den Basaren leuchten die Händler ihre Waren mit Energiespartechnik aus.
Die Schulklassen putzen vor Schulbeginn mit Lappen und Besen Straßen, Reklameschilder und Mülleimer, "damit die Kinder Sauberkeit lernen", wie eine Lehrerin erklärt.
Der Himmel ist blau, die Luft rein, auf den Straßen rollen unzählige grün-weiße Taxis Marke VW Santana – natürlich mit umweltfreundlichem Flüssiggas betankt. Und wirft wirklich ein Passant mal etwas auf die Straße, ist sofort ein Straßenfeger zur Stelle.
China, ein Umweltdesaster? Kashgar könnte vielmehr als urbanes Öko-Vorbild für bundesrepublikanische Großstädte gelten.
Vielleicht ist aber Kashgar gar nicht China. „Kashi“, wie die Chinesen Kashgar nennen, soll heute um die 500.000 Einwohner haben. Die wenigsten davon sind allerdings Chinesen: Kirgisen, Uiguren, Tadschiken und Usbeken stellen die Mehrheit,
neben den Han-Chinesen leben hier Pakistani, Dunganen, Kasachen, Paschtunen, Kiptschaken. Es gibt Moslems, Buddisten, Manichisten, Christen, Nestroianer, Kommunisten.
Hongkong, Rom, Karatschi, Aleppo, Peking – welchen Weg die Karawanen der Seidenstraße einst auch nahmen, alle mussten sie durch Kashgar. Und alle brachten fremde Kulturen mit. Die Seidenstraßenmetropole ist ein wundersamer Schmelztiegel, das pulsierende Herz Zentralasiens.
Wer also nach China will, muss von Kashgar aus die Wüste Takla Makan durchqueren. Eines der brutalsten Trockengebiete der Welt: Der schwedische Entdeckungsreisende Sven Hedin war vor 110 Jahren mit einer großen Karawane und sehr viel Erfahrung aufgebrochen, um die 1.000 Kilometer breite Wüste erstmals zu vermessen. Drei Mann überlebten das Desaster. Einer davon: Hedin.
Ins Deutsche übersetzt heißt Takla Makan: Wer hineingeht, findet nie wieder heraus.
Um wieder hinaus zu finden, schmiegt sich die Seidenstraße an die südlichen Ausläufer des Tienschan. Heute ist der 2.000 Jahre alte Handelsweg eine gut ausgebaute Fernverkehrsstraße, die locker jeden Vergleich mit deutscher Infrastruktur aufnehmen kann.
Ein wesentlicher Unterschied allerdings: Alle paar hundert Kilometer muss hier Maut gezahlt werden. Ein weiterer: Es gibt auf der Seidenstraße wesentlich weniger Verkehr als auf einer deutschen Bundesstraße - vor allem Busse und Lastwagen, die die Seidenstraße Richtung Europa befahren. Private Pkws sind eine Seltenheit.
Das liegt sicherlich an der wirtschaftlich schwachen Nordwestprovinz Xinjiang, dem autonomen Gebiet der Uiguren. Hier können sich nur wenige überhaupt das Nummernschild für ein eigenes Auto leisten. Bevor man in China nämlich ein privates Auto kaufen kann, muss man zuerst ein Nummernschild ersteigern. Die Polizei gibt regelmäßig Auktionstermine bekannt. Wer Glück hat, erhält den Zuschlag für die Autonummer schon bei 2.500 Euro, wer Pech hat, muss tausend Euro mehr zahlen.
3.500 Euro für ein Nummerschild – das ist dann fast so viel, wie ein Durchschnittschinese im ganzen Jahr verdient. Und dann braucht man ja auch noch das Auto selbst.
Wir aber fahren im Liegebus - statt Sitze sind hier Doppelstock-Betten eingebaut - in die 700 Kilometer entfernte Oasenstadt Kuqa. Auch hier ist von Umweltsünden wenig zu sehen: Auf den Dächern gewinnen solarthermische Anlagen warmes Wasser, die Duschen sind mit Wasserspar-Brausen ausgestattet und an den Wasserhähnen in öffentlichen Gebäuden steht: "Spart Wasser!" Auf dem Weg nach Ürümqui, der Hauptstadt der Provinz Xingjiang, sind alle paar Kilometer Solarkraftwerke installiert.
Und bei Dabancheng vor den Toren Ürümquis drehen sich Hunderte Windräder in einem der größten Windparks der Welt.
Auf den zweiten Blick allerdings wird klar, dass die heile Welt der Provinz Xingjiang auch keine heile Umwelt mehr ist. Egal ob in den Oasen Kashgar, Kuqa oder Ürümqi: Als modern gilt, was aus Beton gegossen und vor allem himmelhoch gebaut ist. Also werden zunehmend die traditionellen Viertel abgerissen, die früher in Lehmbauweise errichtet worden sind.
Die Lehmziegel brannte die Sonne, das Stroh für den Verputz kam vom Feld. Es ist nicht erwiesen, dass die gigantischen, 30-Stockwerk hohen Betonburgen komfortabler sind als die kleinen Lehmhäuser. Erwiesen ist aber, dass die Betonbauweise dutzendfach den Klimawandel beschleunigt. Während die Baustoffe für Lehmhäuser quasi durch die Energie der Sonne entstanden, braucht es für Ziegel, Zement und Stahl jede Menge Strom - der in China hauptsächlich in klimaschädlichen Kohlekraftwerken produziert wird.
Kein anderer Energieträger verursacht so viel Kohlendioxid wie Kohle. Und die chinesischen Kohlekraftwerke gehören weltweit zu den am wenigsten effizienten.
Auch die Wassersperrung im Hotel lässt darauf schließen, dass „Mutter Erde“ zunehmend Probleme bereitet. "Heute leben doppelt so viele Menschen in der Region Kashgar, wie noch vor 50 Jahren", sagt Abdul Tash, der beim staatlichen Reisebüro angestellt ist. "Und das Wasser, das uns die Berge schenken, ist nicht mehr, sondern deutlich weniger geworden." Und so richtig funktioniert die Sache mit den beiden Mülleimern auch nicht.
"Recyclable" und "Non recyclable" steht zwar an denen. Aber egal, ob nun Paschtunen, Budisten, Chinesen, Moslems, Uiguren, Kommunisten oder Tadschiken - die Leute werfen in beide Eimer dasselbe: Ihren letzten Dreck.
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