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Die "Neue Seidenstraße" über den Tienschan


Fünfte Station, nach 27 Tagen Reise und 6000 Kilometern in Zug, Bus und einem alten Audi 80: China 

Im kirgisischen Baluikschi endet die „Schelesnaja Doroga“, die „Eisenstraße“, wie die "Eisenbahn" in der russischen Sprachhemisphäre heißt. Dafür bahnt sich hier die  legendäre „Seidenstraße“ ihren Weg über das Tienschan-Gebirge. Von Berlin aus gezählt sind 5.500 Zug-Kilometern zurückgelegt, nun heißt es umsteigen. Auf ein „Marschrutnui“, einen jener Kleintransporter, die Aufschriften tragen, wie „Frisches Obst aus Quedlinburg“ oder „Haus- und Gartenservice“. Richtige Busse fahren hier nicht mehr. Der Fahrplan der Marschrutnuis richtet sich nach den Bedürfnissen: Jedes Mal, wenn die neun bis elf Plätze gefüllt sind, startet der Transporter. 

Ziel ist Naryn in den Bergen des Tienschan, die letzte kirgisische Stadt vor der Grenze zu China, auch wenn die Grenze noch gut 150 Kilometer von dort entfernt ist. Neben ein paar Sammeltaxis sind hier kaum noch Autos unterwegs. Dafür aber jede Menge Eselskarren. Und Lkw.  

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Im September 1998 unter- zeichneten 12  zentral- asiatische und süd- europäische Staaten  ein – wie es hieß - „epochales“ Abkommen. Der Vertrag firmiert unter der Bezeichnung „Neue Seidenstraße“. Von Kirgisistan bis Usbekistan, von Turkmenistan bis Georgien, Moldawien, Rumänien bis Bulgarien - alle Staaten einte das Ziel, einen von Russland unabhängigen Verkehrsweg zu schaffen. EU und USA unterstützen den Ausbau finanziell.  Es geht darum, den alten euro-asiatischen Korridor entlang der historischen Seidenstraße wiederzubeleben. Fast alle Unterzeichner waren einst vom Sowjetimperium abhängig - das Projekt „Neue Seidenstraße“ soll wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern und helfen, sich auf eigene Geschichte zu besinnen und neues Selbstbewußtsein zu schaffen.    

Statt Gewürzen, Jade oder Seide werden billige Hemden, Socken oder Röcke gen Westen transportiert. Auf dem Rückweg laden die pferdestarken Karawanen der Neuzeit – Marke „Kamas“oder „Peugot“- Schrott, um den Rohstoffhunger Chinas decken zu helfen. Der Name „Seidenstraße“ ist dennoch vollauf gerechtfertigt. Der Staub, den die Kolonnen auf ihrem Ritt über die Berge aufwirbeln, ist derart seidenfein, dass er sich in allen Poren des Körpers festsetzt. Er durchdringt die Kleidung und legt sich einem Seidengewand gleich auf die Haut.   

Naryn ist ein schmuckloses Verwaltungszentrum in Kirgisistans südlicher Mitte. Der Ölradioator ist hier ein präsenteres Möbelstück als der Fernseher. Weil sich Kirgisistan Erdgas von den Nachbarn Usbekistan oder Kasachstan nur beschränkt leisten kann, wird im Winter hauptsächlich mit Strom geheizt. Allerdings bleibt dieses „Heizen mit Strom“ nicht ohne Nebenwirkungen: Um im Winter genug Strom produzieren zu können, wird schon in den Sommermonaten damit begonnen, die Staubecken der Wasserkraftwerke zu füllen. Unten in den Ebenen fehlt den Bauern dann das Wasser - ausgerechnet jetzt, wo sie es dringend bräuchten. Im Winter rauscht dagegen der gestaute „Rohstoff“ durch die Turbinen und überschwemmt unten in den Ebenen nicht selten die Felder der Bauern.   

Zweimal die Woche hält in Naryn ein Bus ins chinesische Kashgar. Wenn der gerade weg ist, hilft nur ein „Taxi“. Risbek fährt die Route drei- bis viermal die Woche. Er schwört auf seinen Audi 80 CS. nick_karawane11_kl„Sehr gute Maschine“, sagt Risbek, als er uns am frühen Morgen noch im Dunkeln abholt. Der bitterkalte Himmel spuckt Sternschnuppen, und unser Fahrer lobt sein deutsches Auto. Das ist zwar schon Baujahr 1986, „aber was anderes als ein Audi würde die Piste gar nicht schaffen“, sagt der 37-jährige Risbek überzeugt. Unter das Auto hat er eine Stahlplatte geschweißt – damit die aufwirbelnden Steine den Boden nicht zertrümmern. Wir müssen bis 13 Uhr die chinesische Grenze erreichen – bis 13 Uhr kann man sie Richtung China passieren, danach ist der Grenzübergang andersrum geöffnet. Auf den ersten Blick eine abstruse Regelung, doch bald erkennen wir ihren Sinn: Die schweren Lastwagen haben den Schotter auf der Piste über den Pass derart fein zu Staub zermahlen, dass ein Karawan der Neuzeit eine kilometerweite Staubfahne hinter sich herzieht. Begegnen? Oder gar überhohlen? Undenkbar! 

Stundenlang geht es hinauf zum 3574 Meter hohen Tus-Bel-Pass. Die Berge ringsum sind schneebedeckt, das Wasser der Flüsse ist längst gefroren. Um den wachsenden Strombedarf zu decken, gibt es kirgisische Pläne, noch mehr Staustufen in die „Himmelsberge“ - wie der Tienschan hier heißt – zu schlagen. Das hat die Chinesen auf den Plan gerufen, denn der Tienschan verteilt das Wasser ungerecht. Das meiste fließt ohnehin gen Norden ab, jetzt sollen auch noch Flüsse gestaut werden, die chinesische Oasenstädte im Süden versorgen. Ohnehin ist Wasser hüben wie drüben ein Problem, denn nirgendwo auf der Welt ist der Klimawandel so zu spüren wie in Zentralasien. Die existentielle Folge für die Bewohner: Es regnet deutlich weniger. Das Wasser in den fruchtbaren Ebenen vor und hinter den Bergen ist spürbar knapper geworden.  

Risbeks größter Traum ist, Autohändler zu werden. „20 Audis aus Deutschland holen und dann hier verkaufen, das wärs“, sagt der Vater von vier Kindern. Allerdings traut er sich nicht: Noch nie war er in Europa und in Deutschland schon gar nicht. Auch weiß er nicht, ob der Audi 80 CS überhaupt noch gebaut wird. „Was anderes soll es nicht sein. Der Wagen ist ideal für die Straßen in Kirgisistan“.  

Es ist bitterkalt und am zweiten Tag der Überfahrt des Tienschan beginnt das Kreuz zu schmerzen. Die chinesische Grenze ist auf dem 3752 Meter hohen Torugart-Pass endlich erreicht, das Gröbste ist geschafft. Glaubt man. Bevor es aber stundenlang schottrig bergab gehen kann, beginnt eine nervenaufreibende Grenzübertrittsprozedur. Hier, wo fast das ganze Jahr über Schnee und Eis regieren, steht ein kalaschnikowbewachter Wall aus Stacheldratverhauen. Auf die erste Kontrolle, folgt die zweite, die dritte ... Kilometerweit stehen die Lastwagen und warten auf die Grenzkontrolle. 

Risbek allerdings kennt sich aus: Ein „Hallo“ hier, ein Geldschein da – schon nach anderthalb Stunden sind die Formalitäten erledigt. Vor dem letzten Stacheldrahtzaun prangt der chinesische Stern. China ist erreicht. 

 

ALLE FOTOS: Steffi Reichel 
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