Werbung

Preise .info-Award 2010 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009 Umwelt-Medienpreis 2008
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Die "Neue Seidenstraße" über den Tienschan


Fünfte Station, nach 27 Tagen Reise und 6000 Kilometern in Zug, Bus und einem alten Audi 80: China 

Im kirgisischen Baluikschi endet die „Schelesnaja Doroga“, die „Eisenstraße“, wie die "Eisenbahn" in der russischen Sprachhemisphäre heißt. Dafür bahnt sich hier die  legendäre „Seidenstraße“ ihren Weg über das Tienschan-Gebirge. Von Berlin aus gezählt sind 5.500 Zug-Kilometern zurückgelegt, nun heißt es umsteigen. Auf ein „Marschrutnui“, einen jener Kleintransporter, die Aufschriften tragen, wie „Frisches Obst aus Quedlinburg“ oder „Haus- und Gartenservice“. Richtige Busse fahren hier nicht mehr. Der Fahrplan der Marschrutnuis richtet sich nach den Bedürfnissen: Jedes Mal, wenn die neun bis elf Plätze gefüllt sind, startet der Transporter. 

Ziel ist Naryn in den Bergen des Tienschan, die letzte kirgisische Stadt vor der Grenze zu China, auch wenn die Grenze noch gut 150 Kilometer von dort entfernt ist. Neben ein paar Sammeltaxis sind hier kaum noch Autos unterwegs. Dafür aber jede Menge Eselskarren. Und Lkw.  

nick_karawane3_kl

Im September 1998 unter- zeichneten 12  zentral- asiatische und süd- europäische Staaten  ein – wie es hieß - „epochales“ Abkommen. Der Vertrag firmiert unter der Bezeichnung „Neue Seidenstraße“. Von Kirgisistan bis Usbekistan, von Turkmenistan bis Georgien, Moldawien, Rumänien bis Bulgarien - alle Staaten einte das Ziel, einen von Russland unabhängigen Verkehrsweg zu schaffen. EU und USA unterstützen den Ausbau finanziell.  Es geht darum, den alten euro-asiatischen Korridor entlang der historischen Seidenstraße wiederzubeleben. Fast alle Unterzeichner waren einst vom Sowjetimperium abhängig - das Projekt „Neue Seidenstraße“ soll wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern und helfen, sich auf eigene Geschichte zu besinnen und neues Selbstbewußtsein zu schaffen.    

Statt Gewürzen, Jade oder Seide werden billige Hemden, Socken oder Röcke gen Westen transportiert. Auf dem Rückweg laden die pferdestarken Karawanen der Neuzeit – Marke „Kamas“oder „Peugot“- Schrott, um den Rohstoffhunger Chinas decken zu helfen. Der Name „Seidenstraße“ ist dennoch vollauf gerechtfertigt. Der Staub, den die Kolonnen auf ihrem Ritt über die Berge aufwirbeln, ist derart seidenfein, dass er sich in allen Poren des Körpers festsetzt. Er durchdringt die Kleidung und legt sich einem Seidengewand gleich auf die Haut.   

Naryn ist ein schmuckloses Verwaltungszentrum in Kirgisistans südlicher Mitte. Der Ölradioator ist hier ein präsenteres Möbelstück als der Fernseher. Weil sich Kirgisistan Erdgas von den Nachbarn Usbekistan oder Kasachstan nur beschränkt leisten kann, wird im Winter hauptsächlich mit Strom geheizt. Allerdings bleibt dieses „Heizen mit Strom“ nicht ohne Nebenwirkungen: Um im Winter genug Strom produzieren zu können, wird schon in den Sommermonaten damit begonnen, die Staubecken der Wasserkraftwerke zu füllen. Unten in den Ebenen fehlt den Bauern dann das Wasser - ausgerechnet jetzt, wo sie es dringend bräuchten. Im Winter rauscht dagegen der gestaute „Rohstoff“ durch die Turbinen und überschwemmt unten in den Ebenen nicht selten die Felder der Bauern.   

Zweimal die Woche hält in Naryn ein Bus ins chinesische Kashgar. Wenn der gerade weg ist, hilft nur ein „Taxi“. Risbek fährt die Route drei- bis viermal die Woche. Er schwört auf seinen Audi 80 CS. nick_karawane11_kl„Sehr gute Maschine“, sagt Risbek, als er uns am frühen Morgen noch im Dunkeln abholt. Der bitterkalte Himmel spuckt Sternschnuppen, und unser Fahrer lobt sein deutsches Auto. Das ist zwar schon Baujahr 1986, „aber was anderes als ein Audi würde die Piste gar nicht schaffen“, sagt der 37-jährige Risbek überzeugt. Unter das Auto hat er eine Stahlplatte geschweißt – damit die aufwirbelnden Steine den Boden nicht zertrümmern. Wir müssen bis 13 Uhr die chinesische Grenze erreichen – bis 13 Uhr kann man sie Richtung China passieren, danach ist der Grenzübergang andersrum geöffnet. Auf den ersten Blick eine abstruse Regelung, doch bald erkennen wir ihren Sinn: Die schweren Lastwagen haben den Schotter auf der Piste über den Pass derart fein zu Staub zermahlen, dass ein Karawan der Neuzeit eine kilometerweite Staubfahne hinter sich herzieht. Begegnen? Oder gar überhohlen? Undenkbar! 

Stundenlang geht es hinauf zum 3574 Meter hohen Tus-Bel-Pass. Die Berge ringsum sind schneebedeckt, das Wasser der Flüsse ist längst gefroren. Um den wachsenden Strombedarf zu decken, gibt es kirgisische Pläne, noch mehr Staustufen in die „Himmelsberge“ - wie der Tienschan hier heißt – zu schlagen. Das hat die Chinesen auf den Plan gerufen, denn der Tienschan verteilt das Wasser ungerecht. Das meiste fließt ohnehin gen Norden ab, jetzt sollen auch noch Flüsse gestaut werden, die chinesische Oasenstädte im Süden versorgen. Ohnehin ist Wasser hüben wie drüben ein Problem, denn nirgendwo auf der Welt ist der Klimawandel so zu spüren wie in Zentralasien. Die existentielle Folge für die Bewohner: Es regnet deutlich weniger. Das Wasser in den fruchtbaren Ebenen vor und hinter den Bergen ist spürbar knapper geworden.  

Risbeks größter Traum ist, Autohändler zu werden. „20 Audis aus Deutschland holen und dann hier verkaufen, das wärs“, sagt der Vater von vier Kindern. Allerdings traut er sich nicht: Noch nie war er in Europa und in Deutschland schon gar nicht. Auch weiß er nicht, ob der Audi 80 CS überhaupt noch gebaut wird. „Was anderes soll es nicht sein. Der Wagen ist ideal für die Straßen in Kirgisistan“.  

Es ist bitterkalt und am zweiten Tag der Überfahrt des Tienschan beginnt das Kreuz zu schmerzen. Die chinesische Grenze ist auf dem 3752 Meter hohen Torugart-Pass endlich erreicht, das Gröbste ist geschafft. Glaubt man. Bevor es aber stundenlang schottrig bergab gehen kann, beginnt eine nervenaufreibende Grenzübertrittsprozedur. Hier, wo fast das ganze Jahr über Schnee und Eis regieren, steht ein kalaschnikowbewachter Wall aus Stacheldratverhauen. Auf die erste Kontrolle, folgt die zweite, die dritte ... Kilometerweit stehen die Lastwagen und warten auf die Grenzkontrolle. 

Risbek allerdings kennt sich aus: Ein „Hallo“ hier, ein Geldschein da – schon nach anderthalb Stunden sind die Formalitäten erledigt. Vor dem letzten Stacheldrahtzaun prangt der chinesische Stern. China ist erreicht. 

 

ALLE FOTOS: Steffi Reichel 
Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]

Werbung

Meinungen: Etscheits Alltagsstress

Danke, lieber Fritz Vahrenholt!

etscheid Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt! [mehr...]

Meinungen: Kommentar

Keine Blackout-Angst

Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]

mehr...

Werbung

Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde

Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]


Aktion des Monats

US-Waldgesetz retten

In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr]

Durban 2011

Klimakonferenz Durban

Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen.  [mehr]

Neue Klimaretter-Serie 
Die Gesetze der Energiewende

Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit  Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.


Lexikon

Das ABC der Klimaretter

Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr]

In eigener Sache

Klimaretter abonnieren!

Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...]

Werbung

Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge

Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]

Klimaretter-Dossiers

Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs

Klimakonferenz-Specials

Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13


Werbung


Ressorts

Politik


Kanzlerin auf Rohstoffsuche

Angela Merkel (CDU) trifft sich heute mit dem Präsidenten von Kasachstan, um über die Lieferung von seltenen Erden zu verhandeln [mehr...]
Protest


Facebook: Sonne gegen Rösler

Wegen Solarkürzungen: Facebook-Nutzer wetten gegen Wirtschaftsminister [mehr...]
Mobilität


Kalifornien erzwingt mehr saubere Autos

Neue Abgasregeln sollen CO2-Ausstoß im Verkehr bis 2025 um 52 Millionen Tonnen senken [mehr...]
Forschung

mann3_cr
Rechtshilfefonds für US-Klimaforscher

Organisation will Wissenschaftler wie Michael Mann beim Kampf gegen juristische Angriffe von "Klimaskeptikern" unterstützen [mehr...]
Wohnen


Heizkosten kosten nach Verbrauch

Urteil des Bundesgerichtshof: Eine pauschale Abrechnung ist "ungerecht" - und deshalb verboten [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar


Keine Blackout-Angst

Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.
Ein Kommentar von Joachim Wille
[mehr...]
Standpunkte


Biogas: unverzichtbar für die Energiewende

Die pauschale Kritik an der "Vermaisung" der Landschaft ist falsch, meint der Geschäftsführer des Fachverband Biogas, Claudius da Costa Gomez, in einem Gastbeitrag. Zukünftig würden auch alternative Energiepflanzen wie Rüben für die Stromerzeugung verwendet werden. Auch auf den Humus-Haushalt habe der Biomasseanbau keine negativen Auswirkungen. Teil fünf unserer Debattenserie zu den Folgen des Atomausstiegs.
Von Claudius da Costa Gomez
[mehr...]
Rezension


Ruht der Wind sich jemals aus?

Warum sind die Wolken flauschig? Wieso ist die Erde nicht tiefgefroren? Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf präsentiert Wetter und Klima als Abenteuer für Kinder.
Eine Rezension
von Toralf Staud
[mehr...]
Kolumnen

nick3
Wie die FDP Ihr Geld klaut

Der Wirtschaftsminister will 250 Großkunden die EEG-Umlage von deren Strompreis abziehen. Das kostet Sie vielmehr Geld als der Ausbau der erneuerbaren Energien! [mehr...]
Überraschung der Woche


Transparenz, EEG und die Ananas des Herrn Großmann

Kalenderwoche 5: Was steckt hinter dem Solarbashing des Wirtschaftsministers?, fragt sich Matthias Willenbacher, Gründer des Unternehmens juwi und Mit-Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]