Nirgendwo erwärmt sich die Erde schneller
Vierte Station, nach 21 Tagen Reise und 5200 Zugkilometern:Bishkek und Tscholpan-Ata am See Issyk-Kul

„Natürlich stimme ich für die neue Verfassung“, sagt Sirtbai Arükbajew.
Es ist ein wunderschöner Herbst-Sonntag in Tscholpan Ata in Ost-Kirgisistan. Auf dem tiefblauen Issyk-Kul, dem zweitgrößten Bergsee der Welt, tanzen weiße Gischtkämme, die schneebedeckten Berggipfel strahlen in der Sonne, das Gelb der Pappeln leuchtet. Endlich leuchtet auch für den 61-jährigen Sirtbai Aruikbajew wieder die Zukunft. Präsident Kurmanbek Bakiev will sich per Referendum eine neue Verfassung bestätigen lassen, die aus Kirgisistan eine parlamentarische Demokratie machen würde, wie der Präsident verspricht. „Und das macht mir Hoffnung“, meint der Agrotechniker Aruikbajew. Denn erstens ist Bakiev schließlich jener Politiker, der Kirgisistan seit der 'Tulpen-Revolution' vor zwei Jahren führt. Zweitens könne es schlechter ja doch kaum werden.
„Es wird schlimmer“, sagt dagegen Vladimir Vladimirovitsch Romanovsky, der das Labor des „Instituts für Wasserprobleme und Hydroelektroenergie“ an der Kirgisischen Akademie der Wissenschaften leitet. „Alles über den Issyk-Kul“ heißt das 400-Seiten starke Werk, dass Romanovsky vor einigen Monaten vorlegte. Mit erschreckenden Ergebnissen: Nirgendwo auf der Welt ist demnach der Klimawandel so weit fortgeschritten, wie hier am Issyk-Kul in Zentralsasien. Nach Erhebungen des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC) stieg die globale Temperatur zwischen 1950 und dem Jahr 2000 um ein halbes Grad. „Bei uns ist aber die Temperatur in nur 40 Jahren im Jahremittel um 2 Grad gestiegen. Und wenn das so weiter geht, wird sie 2070 fünf Grad höher sein“, sagt Ramonovsky.
Mit dramatischen Folgen, zum Beispiel für den 700 Meter tiefen Issyk-Kul, der zwar etwa 80 Zuflüsse, aber keinen Abfluss besitzt: Binnen der letzten zehn Jahre sank sein Wasserspiegel um 90 Zentimeter. „Und das, obwohl sich das Abschmelzen der Gletscher rasant beschleunigt hat“, sagt Romanovsky: So ist etwa die Firngrenze des Kara-Batkak-Gletschers im zentralen Tientschan binnen 40 Jahren um 18 Meter geschrumpft. „18 Höhenmeter, das muss man sich mal vorstellen“! Die Absenkung des Issy-Kul-Wasserspiegels erklärt der 65-Jährige so: „Es gibt immer weniger Niederschläge. Uns wird das Wasser knapp.“
Tscholpan-Ata liegt auf 1700 Höhenmetern am Nordufer des Issyk Kul. Von hier bis zur Westspitze des Sees gibt es gut zehn Zuflüsse – aber derzeit führt keiner von ihnen Wasser. Darüber klagen auch die Landwirte. „Das konnte man überhaupt nicht als Ernte bezeichnen dieses Jahr“, sagt der Agrotechniker Sirtbai Arükbajew. Ausgeklügelte Bewässerungssyteme sorgen normalerweise dafür, dass in der fruchtbaren Hochebene den warmen Sommer über alles üppig wächst. Arükbajew: „Dieses Jahr war aber schon wieder ziemlich trocken“.
Das ist ein Horrorszenario für Gesamt-Zentralsasien: Schätzungsweise 20 Millionen Menschen leben heute an den Flüssen, die den Tientschan in nördliche Richtung verlassen. 20 Millionen Menschen, deren Arbeits- und Lebensgrundlage ein funktionierender Wasserkreislauf und intakte Gletscher bilden. Was ist, wenn Vladimir Romanovsky Recht hat? Die Forschungsergebnisse seines Teams beruhen auf den Daten von 23 Mess-Stationen, die sein Institut rund um den 1600 Meter hoch gelegenen Issyk-Kul im Zentraltientschan betreibt?
Nicht verlässlich, nicht representativ, seien die Messungen, sagen Kritiker.
„Wenn ich nicht mein Leben lang zu diesem Thema geforscht hätte, würde ich wahrscheinlich auch nach Gründen suchen, warum es doch noch nicht so schlimm ist, wie es ist“, sagt dazu der Wissenschaftler, dessen Mutter Russin und dessen Vater Pole ist. Romanovsky vermutet das Prinzip Hoffnung hinter diesem Zweifel: So lange es den Zweifel gebe, sei man auch noch nicht zum Handeln gezwungen. Dabei sei Anpassung an den Klimawandel, der bereits in vollem Gange ist, ganz dringlich geboten: „Wir brauchen neue Formen der Landwirtschaft, andere Anbauweisen und Pflanzen, die weniger wasserintensiv zu bewirtschaften sind.“
Warum verändert sich das Klima gerade hier so dramatisch, Dr. Romanovsky? „Kein Fleck der Erde ist so weit vom Meer entfernt, wie Zentralasien“, erklärt der ergraute Wissenschaftler. Wetterbestimmend sei aber nun einmal der Wasserkreislauf und der sei wegen der gigantischen Bewässerungsprojekte aus dem Takt geraten. Um größter Baumwollexporteur der Welt zu werden, gruben die Sowjets 700.000 Kilometer Bewässerungskanäle in die Steppen Kasachstans und Usbekistans – und damit den mächtigsten Flüssen der Region, dem Syr-Daria und dem Amu-Daria, das Wasser ab. Die Folge: Dem größte Meer der Region – dem Aralsee – ging der Wassernachschub verloren, seine Fläche schrumpfte auf ein Viertel zusammen (siehe Teil 3 von Nick Reimers Reiseberichten).
Romanovsky, der 2003 Deutschland und Frankreich besuchte, sagt: Die Menschen in Europa haben das Problem verstanden, sie denken viel globaler. Hier denken sie immer nur bis zum nächsten Tag.“ Aber das ist vielleicht auch nicht verwunderlich. Mit einem Bruttosozialprodukt von 380 Dollar pro Einwohner ist Kirgisistan bitterarm. Für viele ist der nächste Tag tatsächlich eine viel größere Herausforderung, als der Wandel des Klimas in der Zukunft. „Wir wollen doch nicht viel“, sagt Sirtbai Arükbajew, „ein warmes Haus, täglich Brot und eine Zukunft für unsere Kinder.“ So wunderbar herbstlich sich dieser Wahlsonntag auch präsentiert: Nachts regiert hier längst der erste Frost – der Anfang eines strengen, langen Winters. Auch wenn der jetzt durchschnittlich zwei Grad wärmer sein soll.

Nick Reimer am Issyk-Kul
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