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Marx, Engels und Energieverschwendung

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 Im russischen Schlafwagen lernen sich die Reisenden schnell kennen - ganz rechts Akschan und seine Frau

Station 2 -  nach zehn Tagen und 3.200 Zugkilometern: das russische Saratow

Die dritte Zugklasse nennt sich „Obsche“, was soviel wie „allgemein“ bedeutet. „Allgemein“ heißt: Es gibt keine abgeschlossenen Coupés, die Abteile sind offen und mit acht Pritschen ausgestattet – zwei davon fürs Gepäck. Die Offenheit hat einige Vorteile: Binnen kürzester Zeit kennt man das Leben der Mitreisenden. Es werden Geschichten ausgetauscht - genauso wie Pelmeni oder gebratene Hühnchen.

Akschan zum Beipiel hat mit seiner Frau ein halbes Jahr in in Charkow als Spezialitätenkoch gearbeitet. Jetzt ist die Zeit in der Ukraine vorbei, prall gefüllte Reisetaschen und ein gebratener Hase auf seinem Tisch zeugen vom Erfolg der Mission – Kleidungsstücke, Schuhe, Haushaltstechnik. „Ich freu mich auf zu Hause“, sagt seine Frau, die wie die anderen Frauen eine Art Morgenrock übergezogen hat, der mit orientalischen Ornamenten bestickt ist. „Zu Hause“ bedeutet Taschkent, die Haupstadt von Usbekistan, des überübernächsten Landes. Fahrzeit bis nach Hause: noch 58 Stunden. Falls es keine Verspätung gibt.

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Der Saratov-Express: Statt Sitzplätzen gibt es in Russland nur Liegen
Resul war „geschäftlich“ in Minsk unterwegs. “Eine unglaubliche Stadt“, sagt er und holt zum Beweis eine Video-Kamera hervor, die er für umgerechnet 300 Euro in der Hauptstadt Weißrusslands erstanden hat. Schlagartig ist er der gefragteste Passagier im ganzen Waggon: Ein Pulk hängt an seiner Schlafstadt, jeder will die „Panasonic“ wenigstens mal anfassen. Olga, eine Russin jenseits der 50, holt ihrerseits den Schmuck hervor, den sie in der Ukraine erstanden hat. „50 Dollar“ habe der gekostet und um sich eine bessere Vorstellung über das Geschäft zu verschaffen, rechnen die Männer in russische Rubel, urkainische Griwnas oder kassachisches Geld um, während die Frauen sich die dicken Klunkern erfürchtig von Hand zu Hand reichen. Akschans Frau ist so frech, sich das fremde Geschmeide anzulegen.

„Noch Tee?“, fragt der Zugwagenschaffner, ein kleiner Usbecke mit schwarzer, weiß umrandeter viereckigen Kappe. Vorzüglich ist er um Emsigkeit bemüht, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden, dem Reiseziel. Die Fahrkarte muss man abgeben, und damit begibt man sich auch in die Hand des Schaffners. Von Zeit zu Zeit schlendert er vorbei um aktuelle Reisedaten bekannt zu geben: „Es sind nur noch 18 Stunden bis zum Ziel.“ Den Besen nimmt er allerdings selbst nicht in die Hand, dafür hat er seine Leute, Mitreisende, die über kein richtiges Ticket verfügen oder notfalls einen der beiden Hilfs-Zugwagenschaffner. Manchmal allerdings wird er hektisch: „Sobiratsa, Djeti!“ Packt Eure Sachen, Kinder! In einer Stunde sind wir schon in Saratow.
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Ein Stück von Altsaratov mit Neusratovschem Verkehrsaufkommen

Lenin thront noch immer auf dem Sockel des Zentralplatzes der Millionenstadt. Nur um die Stadtverwaltung gegenüber wurde vor fünf Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion ein hoher Zaun gezogen. Aus Angst vor dem Volk, sagen die Leute. Die Stadt auf der anderen Seite der mächtigen Wolga heißt Engels, und wenige Kilometer flußaufwärts liegt die Stadt Marx. Vor drei Jahren gab es in Engels, der einstigen Hauptstadt der Wolgadeutschen, eine Volksabstimmung über eine Änderung des Stadtnamens. Die Leute lehnten ab – mit Friedrich Engels hat hier keiner ein Problem. Mühsam schiebt sich der Verkehr über die Wolgabrücke nach Engels. Weil der Fluß hier gut anderthalb Kilometer breit ist, sind Brücken rar. Seit es den Russen aber wieder besser geht, ist das Verkehrsaufkommen explodiert. Und mit ihm der Abgasausstoß.

Saratow ist eine jener russischen Provinzhauptstädte, die vorzugeben versucht, sehr modern zu sein. Das Konservatorium ist natürlich das drittbeste des Landes, nach dem von Moskau und dem in Sankt Petersburg, denn an diese beiden Städte wagt sich keiner ran. In der Art und Weise der Werbung ist Saratow jedenfalls kaum von westlichen Städten zu unterscheiden. Dem Mineralwasser wird das vorzügliche Attribut „aus der Heimat“ verliehen, Holsten wirbt mit dem deutschen Reinheitsgebot, und eine Apotheke Nummer 1 auf der „Uliza Moskowskaja“ mit Produkten aus dem „Arzneimittelwerk Dresden GmbH“.

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Die Wolgabrücke - auf der anderen Seite liegt "Engels"

Für „Klimawandel“ gibt es hier kein Wort. Die Leute wissen nicht, was damit gemeint sein soll. Dafür beginnt am 15. Oktober der Winter. Was das Thermometer dann auch zeigen mag – derzeit 19 Grad im Schatten – die Thermostate der Heizungen überall in den Gebäuden werden auf Frost eingeregelt. Ohnehin wird in den meisten Wohnungen Strom und Gas pauschal abgerechnet, was dazu führt, dass die Leute das Licht auch dann brennen lassen, wenn sie verreisen. Das schrecke Einbrecher ab, sagen sie  – und es kostet ja nichts zusätzlich. Mit 14 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr sind die Russen insgesamt schlimmere Klimasünder als die Deutschen – was allerdings in erster Linie an der ineffizienten Wirtschaft und dem Abfackeln riesiger Mengen Gases liegt, das als Nebenprodukt bei der Erdölförderung anfällt. Wer es sich leisten kann, bringt allerdings Strom- oder Gaszähler an: Gegenüber der Pauschale lassen sich so gut ein Drittel der Kosten sparen.

Im Bus der Linie 247k steht über der Tür angeschlagen: „Fahren ohne gültigen Fahrausweis: 80 Schweizer Franken, zusätzlich 20 Franken Bearbeitungsgebühr bei nicht sofortiger Bezahlung im Fahrzeug“. Das belustigt Andrej, einen 25-Jährigen, der vor 20 Jahren in Kasachstan geboren wurde, aber sich durch und durch als Russe fühlt. „Das sind ja mehr als 2.000 Rubel“ sagt Andrej, also fast ein Drittel seines Monatslohnes. In die Versuchung, solch eine unvorstellbare Summe zahlen zu müssen, kommt der Student erst gar nicht: In Russland sitzt neben dem Bus-Fahrer eine „Deschurnaja“, eine Diensthabende, die durch den Bus geht, „Billjets“ verteilt und das Geld einsammelt. Knapp 20 Cent kostet die Fahrt, wer bis Engels will, zahlt das Doppelte.

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Das moderne Saratov - nachts
Kompliziert ist allerdings, von Saratow wieder abzureisen: In Frage kommt etwa der Zug Moskau-Taschkent, aber für den gibt es nur so viele freie Plätze, wie Passagiere - aus Moskau kommend - in Saratov aussteigen. „Escho nje“, sagt die Administratorin auf dem Bahnhof. Leider könne Sie noch nicht sagen, ob es freie Plätze gibt: „Der Zug ist ja in Moskau noch nicht einmal losgefahren.“

Aber irgendwie werden wir schon weiterkommen Richtung Bali. Denn wie lautet ein russisches Sprichwort so schön: „Rabotajet, rabotajet“. Wenn etwas arbeitet, kommt auch irgend etwas dabei heraus.
ALLE FOTOS: Steffi Reichel
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