Die Geschichte vom verschwundenen Wasser

Wo einst der Aralsee metertief stand,
liegen heute nur noch rostende Schiffswracks
Saratov ---> Aralsk ---> Turkestan ---> Schimkent ---> Bishkek Freitag, 19. Oktober, nach vierzehn Tagen und 4.500 Zugkilometern: am Aralsee
Sakosch Kikbeib brummt bloß auf die Frage, wie denn der Fang gewesen sei. Seit den Morgenstunden hatte der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht seine Netze ausgeworfen. Jetzt am Nachmittag liegen im Boot ein gutes Dutzend Zander, die mehr als einen halben Meter messen. Dazwischen zappeln ein paar Flundern. Kikbeib blickt aufs Meer hinaus, stemmt die Arme ins Kreuz und sagt: „Nu tak: Normalno“! Ein ganz normaler Fang.

Sakosch Kikbeib (im Boot) und Dusbai Sitmenbetow fuhren
früher in jenen Trawlern, die heute in der Wüste rosten
Früher ist Sakosch Kikbeib mit riesigen Trawlern auf das „Aralskoje Morje“ gefahren, das Aralmeer. Fast die gesamte Sowjetunion wurde von seiner Fischgenossenschaft beliefert, und jedes Kind wollte hier Fischer werden. Heute rudert Kikbeib allein mit dem Boot raus . Die meisten seiner Kollegen haben längst aufgegeben. Statt zu Fischen, züchten sie heute Kamele.

Das war vor 20 Jahren noch Meeresgrund
Nirgendwo sonst hat der Mensch schon heute das lokale Klima derart aus dem Takt gebracht, wie in Zentralasien. Bis in die 60er Jahre hinein war der Aralsee das viertgrößte Binnenmeer der Erde, fast so groß wie Bayern. Dann aber ersannen die Sowjets einen gigantischen Baumwollplan: Um weltgrößter Exporteur zu werden, gruben sie 700.000 Kilometer Bewässerungskanäle in die Steppen Kasachstans und Usbekistans – und damit dem Syr-Daria („Vater der Flüsse“) und dem Amu-Daria („Mutter der Flüsse“) das Wasser ab.
Etliche Jahre ging das einigermaßen gut: Über dem Aralsee verdunstete weiterhin jenes Wasser, dass über den Bergen des Tientschans als Niederschlag niederging und so die Flüsse wieder speiste. Weil aber kaum noch Wasser über die beiden einzigen Zuflüsse den Aral erreichte, sank der Pegel – heute ist der Aral auf ein Viertel seiner Fläche zusammengeschrumpft. Und aus dem einst großen Meer wurden drei kleine Seen - zwei im Süden, einer im Norden. Dusbai Sitmenbetow war früher Leitungskader der Fischereigenossenschaft.

Das erste, was vom Wasser (ganz hinten erahnbar) kündet,
sind Berge toter Muscheln
Jetzt ist er auf dem Moped aus dem Fischerdorf Tastübek bis zum kahlen Ufer gefahren, um den Fang von Sakosch Kikbeib abzuholen – eine ganze Stunde brauchte er für die Strecke. Leere Muschelschalen knirschen unter seinen Gummistiefeln. „Dort oben an der Klippe stand in meiner Jugend der See“. Der 55jährige Sitmenbetow zeigt auf einen Felsen, der so weit entfernt liegt, dass er mit bloßem Auge kaum noch erkennbar ist. 37 Meter seiner Pegelhöhe habe der See verloren, sagt Sitmenbetow. Es gibt vor allem in Usbekistan Gegenden, wo die Küstenlinie um 150 Kilometer zurückgewichen ist. Einige Zeit versuchten die Menschen mit dem Rückgang des Wasser Schritt zu halten. Dann aber gaben sie auf. Mitten in der Steppe liegen heute riesige Schiffsrümpfe, die anklagend vor sich hinrosten. „Na komm schon“, sagt Sitmenbetow zu Kikbeib, „ist doch gar nicht so schlecht, dein Fang“. Sakosch Kikbeib brummt bloß wieder.

Weil der Aral heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist, fehlen drei Viertel der einstigen Verdunstungsfläche. Jetzt, wo sich nur noch wenige Wolken bilden können, bleiben zunehmend die Niederschläge im gesamten Zentralsasien aus. Dagegen ist der Wasserdurst extrem gestiegen: Wurden 1960 noch 4,5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Flächen künstlich bewässert, waren es im Jahr 2000 schon 8 Millionen Hektar. Wasser, das dem Aral fehlt: Er schrumpfte zugleich um 5 Millionen Hektar, und dort, wo die Fischer einst reichen Fang einfuhren, schimmern heute vielerorts Salzkrusten. Denn der Salzgehalt dess Sees ist rapide gestiegen. Zudem spülte die intensive Baumwoll-Landwirtschaft Pestizitrückstände in den See. Die einst reichen Fischpopulationen brachen zusammen.
Untersuchungen der Universität Almaty ergaben, dass allein zwischen 1970 und 1990 mehr als 2,8 Milliarden Tonnen Feinstaub, Sulfate und Chloride von diesen ehemaligen Seeböden durch Stürme und Verwirbelungen in die Atmosphäre gelangten. Überall auf den Feldern Zentralasiens und sogar auf den Gletschern des Tientschans wurde Sand und Salz des Arals nachgewiesen. Wo sie schwere Schäden anrichten: Die Gletscher verkraften die Salzfracht nicht, ein rasanter Rückgang ihrer Eismasse ist die Folge.
Kein Einzelfall: In der Wüste stehen jede Menge rostende Trawler
„Es wird schon werden“, sagt Dusbai Sitmenbetow, als er die Fische in zwei Ledertaschen füllt, die am Moped angebracht sind. Und obwohl nicht klar ist, was der Fischer meint: Zumindest für den Nordsee gibt es ein bisschen Hoffnung. Seit die Weltbank 2004 einen 84 Millionen teuren Damm finanzierte, steigt hier der Wasserstand wieder. „Bestimmt sieben Meter“, sagt Sitmenbetow, sei das Wasser zurückgekehrt, und dabei verzieht sich sein Mund zu so etwas wie einem Lächeln. Ohne den Damm wäre das Wasser des nördlichen Zuflusses Syr-Daria nicht im Nordsee geblieben, sondern in die zwei anderen Seen weitergeflossen. Die jetzt aber noch schneller austrocknen, weil dort jetzt das Wasser fehlt. „Das ist doch nur gerecht“, sagt Sitmenbetow. „Unser Zufluss führt noch Wasser. Der bei den Usbeken nicht. Warum soll unser Wasser also in deren Seen fließen?“
ALLE FOTOS: Steffi ReichelDie Schlagzeilen um 16 Uhr
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