Zwischen Tschernobyl und Zugtoilette
Station 1: nach 6 Tagen Reise und 2.500 Kilometern, das ukrainische Charkov
Langeweile. Stundenlang bietet der Blick aus dem Fenster nichts als Wald oder Sumpfgebiet. Nur manchmal ein Feld, selten ein Dorf und fast nie eine Menschenseele. Dabei ist es gerade ausgesprochen spannend in der Ukraine: Das von Julia Timoschenko angeführte pro-westliche Parteienbündnis hat die Wahl hauchdünn gewonnen. Nur Tage später erinnerte der vom russischen Kreml dominierte Energiekonzern Gazprom den abtrünnigen Nachbarn an seine Schulden – 1,3 Milliarden US-Dollar, etwa 920 Millionen Euro. Und wenn die Ukraine nicht zahlt, so ein Gazprom-Sprecher, sehe sich der russische Energiegigant leider gezwungen, die Lieferung einzustellen.

Die goldenen Dächer des Michaelklosters in Kiev
„Die Energiefrage darf nicht politisiert werden“, forderte der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko, der zwar auf der Seite von Julia Timoschenko steht, mit der machtbewußten Blondine aber zuletzt im Clinch lag. Eiligst hatte die Regierung den ukrainischen Energieminister Juri Bojko nach Moskau entsand, um eine Stundung zu erwirken. Auf keinen Fall dürfe Gazprom seine Drohung wahr machen. Zu lebhaft ist die Erinnerung an das Murren des Wahlvolkes, dass nach dem letzten Gasstreit mit Russland vor jahresfrist tagelang in der Kälte verbringen musste. Der nächste Winter steht schon vor der Tür und die junge ukrainische Demokratie kämpft um dringende Erfolge.
„Wir sind doch ein souveräner Staat“, sagt Viktor, der gerade eine Woche in Wien gearbeitet hat und jetzt im Zug nach Hause – Lemberg - sitzt. Seinen Nachnamen will er besser nicht nennen, „sie wissen schon, warum“. Aber doch so viel: Er sei in Wien von den Kollegen ständig als „der Russe“ bezeichnet worden. „Bei euch in Russland, haben die immer gesagt. Ich bin aber kein Russe, ich bin Ukrainer, und darauf bin ich stolz!“. Demütigungen kränken Viktor – egal ob nun wegen seiner Herkunft in Wien oder von Moskau wegen des Gases. Für den stämmigen Mittvierziger liegt die Lösung auf der Hand: „Wir brauchen neue Atomkraftwerke“. In der Zentralukraine seien reiche Uranvorkommen entdeckt worden, sagt Viktor, „wir könnten uns unabhängig machen, wir könnten's denen zeigen“. Auch wenn Asien eisenbahntechnisch kurz vor seiner Heimatstadt beginnt – in einem zweistündigen Procedere werden die Waggons auf die russlandtypischen Fahrgestelle der Spurbreite von 1,52 Metern umgehoben - „die Ukraine gehört zu Europa“, sagt Viktor.
Schon heute decken 16 ukrainischen Reaktorblöcke mehr als die Hälfte des Strombedarf des Landes. „Atomreaktoren sorgen für Licht. Zum Heizen aber brauchen wir Gas“, sagt Liuba Pikulia, die in Kiev im Tschernobyl-Museum als Führerin arbeitet. Wortreich schildert die 26-Jährige dort das Grauen, dass die Havarie am Block 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl bis weit über die Ukraine brachte. „Zum Glück haben sie jetzt einen Vertrag für eine neue Schutzhülle unterschrieben“, sagt die Museumsführerin. Für zwei Milliarden Euro hat eine französische Firma den Vertrag für eine neue Hülle – den Sarkophark II - ergattert. Den Bau der derzeitigen Hülle hatten viele der Bauarbeiter, „Liquidatoren“ genannt, nicht überlebt, sie starben an Krebs oder Leukemie. Und eigentlich sollte der jetzige Sarkophark nur ein paar Jahre Schutz gegen die atomare Strahlung bieten. Zu unsicher war seine Konstruktion, manche Träger liegen nur lose auf dem havarierten Block 4, statt verschraubt zu werden. „Aber aus ein paar Jahren sind mittlerweile 21 geworden“, sagt Liuba Pikulia. 2010 könnte die neue Schutzhülle fertig werden.

Trotzdem findet Liuba Pikulia gut, dass es in der Ukraine eine Debatte um neue AKWs gibt: „Der letzte Winter war der wärmste, der je in der Ukraine gemessen wurde. Und natürlich war die Reaktorkatatsrophe schrecklich. Aber die Klimakatastrophe wird schrecklicher – schon weil sie alle Menschen auf der Erde treffen wird.“
Die ukrainische Hauptstadt stellt so etwas wie die Zugtoiletten-Grenze Richtung Osten dar: Bis Kiev konnte man die Toilette benutzen, ab Kiev muss man sich zu ihrer Benutzung überwinden. Mag sein, dass der Zustand des Urinals von der Sorgfalt des jeweiligen Schlafwagenschaffners abhängt – pro Wagon gibt es eine zuständige „Deschurnaja“, die manchmal auch eine „Diensthabende“ sein kann. 
Erleichterung stellte sich in diesem Fall erst ein, als der Bahnhof Charkow erreicht wurde – ein Gebäude das doppelt so groß und dreimal so schön wie der Berliner Hauptbahnhof ist.

„Natürlich sollte sich die Ukraine an Russland orientieren“, sagt Roma Lechtrov. Der Westen interessiere sich keinen Deut um die Ukraine „und billiges Gas wird er uns auch nicht lieferrn“. Im Gegenteil: Die Geschichte der Urkaine sei nun einmal eng mit der Russlands verwoben, genauso wie die Sprache, die Ökonomie. „Das Wahlergebnis ist völlig irrational“, sagt der 20-Jährige, der Informatik an der Charkower Universität studiert.
Damit spricht Roma Lechtrov, ein Mann, der mit seinem schönen langen Haar im Stadtbild der früheren Hauptstadt der „russischen Ukraine“ auffällt etwas aus, dass dieser Tage garantiert konsensfähig im zweitgrößten Land Europas ist. Während die pro-russische „Partei der Regionen“ des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch i
m Distrikt Charkow knapp 50 Prozent erhielt, kam sie im Lemberg des Schwarz-Arbeiters Viktor gerade mal auf 4 Prozent. Dort siegte Julia Timoschenko mit über 50 Prozent. Roma Lechtov sagt: „Timoschenko ist Feministin. Das finden die Leute neuerdings ganz schick“.
ALLE FOTOS: Steffi Reichel
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