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"Ich hätte den Diplomaten fast angeschrien"

bali_fischlin

 

Andreas Fischlin,
Prof. für Terrestrische Systemökologie
in Zürich und Mitglied der
Schweizer Regierungsdelegation
auf dem Gipfel in Bali

Foto und Interview: Nick Reimer   

 

wir-klimaretter.de: Mehr als 200 renomierte Klimatologen aus der ganzen Welt haben sich gestern in Nusa Dua mit der "Bali Declaration" an den Gipfel gewandt.  Warum eine solche Deklaration? Gibt es ihrer nicht schon dutzendfach? 

Andreas Fischlin: Die Politik hört einfach nicht auf den wissenschaftlichen Sachverstand. Seit mindestens 10 Jahren wissen wir, das die Erderwärmung menschengemacht ist. Zehn Jahre später ist das immer noch nicht in den Köpfen der Handelnden. Der IPCC-Report hat in diesem Jahr dramatisch klar gemacht, was auf die Menschheit zukommt, wenn wir jetzt nicht handeln. 

Sie sind Mitglied der 12köpfigen Schweizer Regierungsdelegation. Wie laufen die Verhandlungen? 

Ich werd manchmal richtig wütend. Sagt doch so ein Diplomat: Es ist überhaupt nicht erwiesen, dass der IPPC, die beste Wissenschaft abliefert. Ich musste mich sehr  beherrschen, den Herrn Diplomaten nicht laut anzuschreien. Denn als Delegationsmitglied muss ich mich natürlich an die diplomatischen Gepflogenheiten halten. Schauen Sie, ich leite selbst eine Arbeitsgruppe des Intergovernental Panel on Climate Chance und habe am am diesjährigen IPCC-Report mitgearbeitet. In den letzten fünf Jahren wertete ich 3.200 Forschungsberichte aus, las 4.000 Komentare. 10.000 Kollegen haben allein in meinem überschaubaren Feld mitgearbeitet. Es hat in der Menschheitsgeschichte nie eine umfassendere, bessere Wissenschaft gegeben, als die des IPPC. 

Die Ergebnisse waren dramatisch. Hat sie das überrascht? 

Mich hat in den letzten 30 Jahre kaum etwas geängstigt. Aber diese Ergebnisse beängstigen mich 

Unternimmt denn die Politik genügend? 

Der sozioökonomische Bereich liegt außerhalb meiner Expertise. Trotzdem soviel: In der Schweiz gibt es den Beschluß einer co2-Abgabe. Aber seit Jahren wird über ihre Umsetzung gestritten. So liegt auch der co2-Ausstoß der Schweiz neun Prozent über dem nach Kyoto erlaubten Maß. Dabei weiß heute jeder: Das Kyoto-Ziel ist viel, viel zu wenig. Die Industrieländer  müssen ihren Ausstoß in den nächsten 15 Jahren um bis zu 40 Prozent senken. Aber sie schaffen nicht mal die paar Kyoto-Prozentpunkte. Es werden einfach keine Hausaufgaben gemacht. Ergo braucht man sich auch nicht zu wundern, dass die Verhandlungen hier auf Bali so zäh sind. 

Sie haben vorgeschlagen, die Schweizer Nationalhymne zu ändern. Warum? 

Geht das so weiter mit den Klimaverhandlungen und den Hausaufgaben, wird die Schweiz Mitte des Jahrhunderst Gletscherfrei sein. Wozu sie also noch in der Hymne besingen? 

Den Text der Bali-Deklaration (in Englisch und neun anderen Sprachen, von Arabisch bis Spanisch) finden Sie hier: www.climate.unsw.edu.au/bali 

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